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Wu-Wei – Das chinesische Prinzip des Nichthandelns

Einfach mal nichts tun

Wu Wei ist die Kunst des nichts tuns und des sich einfach mal hingebens
Wu Wei ist die Kunst des nichts tuns und des sich einfach mal hingebens
© Anthony Tran via Unsplash

Im alten China war Nichtstun keinesfalls verpönt – Philosophen erhoben es vielmehr zum Lebensprinzip: Im Taoismus, einer uralten Denkschule, befindet sich der Mensch auf seinem Pfad, wenn er „Wu-Wei” lebt, ein Prinzip, das uns zu unserer ureigenen Natur führt …

„Tue nichts und alles ist getan”, sagte der Philosoph Laozi im 6. Jahrhundert vor Christus. Das mag sich nun erst einmal wie eine willkommene Ausrede fürs Faulenzen anhören – im alten China wurde dieses Nichtstun aber doch ein wenig anders verstanden: Im Taoismus befindet sich der Mensch auf seinem Weg, wenn er „Wu-Wei” lebt – ein Prinzip, das mit „Nichtwirken” oder auch „Nichthandeln” übersetzt wird. Wir erfüllen es, wenn wir im Einklang mit der Natur leben – der Natur, von der wir ja auch ein Teil sind.

Wu-Wei oder auch „Nichtstun” bedeutet also nicht, dass wir jeden Tag genauso gut im Bett liegen bleiben könnten und das Leben einfach geschehen lassen sollten. Es bedeutet vielmehr, dass wir un- sere Natur leben und uns so in Harmonie mit dem Großen und Ganzen bewegen. Gemeint ist „ein Tun, das sich ohne Anstrengung und Verkrampfung aus einem selbst wie eine Frucht löst. Es meint ein Tun, das zweckfrei ist, nicht gemacht, sondern reif geworden, ein herzgewirktes Tun, das sich seines Tuns gar nicht bewusst ist”, wie es der Daoismus-Experte Rudolf Backofen Wu-Wei beschreibt. Das klingt schön, nicht wahr? Und das Wundersame: Dafür müssen wir eigentlich gar nichts wirklich tun.

Wu-Wei: Nicht wirken und ganz Mensch sein

Denn diese Momente entstehen ganz von selbst, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt einlassen: wenn wir aus unserem vollen Sein heraus leben und nicht nur körperlich anwesend sind – zum Beispiel weil unser Kopf mit der Zukunft beschäftigt ist oder unser Herz mit der Vergangenheit.

(Er-)Spüren wir uns und unseren Platz in der Natur: „Ein Baum ist nicht aus Holz gemacht, er ist Holz. Ein Berg ist nicht aus Fels gemacht; er ist Fels. Der Samen wächst zur Pflanze durch eine Erweiterung von innen her, und seine Teile oder unterschiedlichen Organe entfalten sich gleichzeitig damit”, findet der Religionsphilosoph Alan Watts Worte für das, was „natürliches Sein” bedeuten kann. Fragen wir uns doch mal: Wann sind wir auf diese Art und Weise ganz Mensch? Wann leben wir Wu-Wei?

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Mit der Kraft des Lichts entspannen

Probieren wir’s doch mal: Schalten wir für einen Moment den Kopf aus; lassen wir los; und spüren wir unseren Platz im Universum – einem Universum, in dem das Leben fließt, ohne Absicht oder Zweck. Wenn wir so verharren, rücken sich mit der Zeit ganz viele Dinge von selbst in ein anderes Licht. Auf einmal wird unwichtig, worüber wir uns eben noch so fürchterlich aufgeregt haben. Und in uns reift ein Gefühl dafür heran, was wir wirklich wollen. Oder wir tun uns leichter, eine Situation einfach zu akzeptieren wie sie ist. Hören auf, starr an etwas festzuhalten – ganz gleich, ob es nun eine Ansicht oder ein Problem sein mag, ein Mensch oder ein Gegenstand. Und spüren, wieviel leichter das Leben wird, wenn wir loslassen und die Dinge geschehen lassen. Wu-Wei, das Nichthandeln, kann unserer Seele Erleichterung und Weitsicht verschaffen.

Mit dem Leben fließen

Wenn wir wie Wasser mit dem Leben fließen. Denn das Leben fließt immer weiter – so wie auch das Wasser in einem Fluss. Vielleicht lässt ein Sturm einen Baum ins Wasser kippen, oder das Flussufer tritt über, weil es so viel geregnet hat. Aber dennoch: Das Wasser findet immer seinen Weg, wie auch immer das aussehen mag.

Diese Gewissheit gilt auch für unser Dasein. Wir können die Dinge, die uns widerfahren, oftmals nicht ändern. Wir können uns aber immer als Ganzes und als Teil der Natur spüren. Wir können uns von der Strömung des Universums tragen lassen – so wie es ein Tropfen vom Fluss geschehen lässt. Wir können versuchen, das Leben wahrzunehmen, anstatt es zu bewerten. Das Ganze annehmen, anstatt gegen einen Teil davon anzukämpfen. Und der Rest? Der wird sich schon zeigen: „Es ist eben etwas Größeres als irgendein menschlicher Wert, der das Werden des Seins bestimmt. In der Natur gelten keine Wertungen, sondern nur das dynamische Wechselspiel aller Gestaltungskräfte”, erklärt uns Rudolf Backofen.

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Und ist es nicht irgendwie auch tröstlich und beruhigend, zu wissen, dass wir auf dieses größere Sein und Werden keinen Einfluss haben? Rückblickend betrachtet erhält doch alles in unserem Leben irgend- wie seinen Sinn. Krisen entpuppen sich später zum Beispiel gerne als Weichen in Richtung Glück – und oft hat das Schicksal auch noch die eine oder andere großartige Idee in petto. Eine Idee, auf die wir selbst niemals gekommen wären.

Doch natürlich ist Loslassen und somit das Prinzip von Wu-Wei nicht immer so
einfach wie einen Schalter auf „Aus” zu stellen. Wenn das Herz ganz schwer ist oder es im
Kopf fürchterlich rattert, scheint das manchmal unmöglich zu sein … Vielleicht können
wir uns in solchen Momenten ein wenig von der Natur inspirieren lassen:

Gehen wir hinaus an die frische Luft. Vielleicht wiegen sich Halme und Äste im Wind? Oder Wolken ziehen über uns hinweg. Regen prasselt auf den See, so dass sich konzentrische Kreise ausbreiten … Lassen wir unseren Blick schweifen und spüren wir, wie alles aus sich selbst heraus existiert; wie alles sanft und stark zugleich ist; und wie sich alles einzig und allein vom Hier und Jetzt tragen lässt. Alles ist einfach nur. Und das tut unserem unruhigen Herzen so gut …

Wunderbare Reifezeit

Genauso wie das Leben immer in Bewegung ist, so sind auch wir tief in uns drinnen am Werden und Wachsen. Absolute Wahrheiten oder Weisheiten gibt es nie. Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen sind immer nur Etappen auf unserem ureigenen Pfad. „Was auch der schärfste Verstand vom Wege aus erkennt, was auch Erfahrung und Erlebnisse an seelischen Erschütterungen und Offenbarungen bringen, was auch in stiller Meditation oder intuitiver Schau erkannt werden kann, all das bleibt immer nur ein Winziges, bleibt immer nur eine erste Erkenntnis”, erklärt Rudolf Backofen. „Auf jedem neuen Wegabschnitt wird auch sie neu, jede Reifestufe wandelt sie. Und nur soweit sie sich wandelt, bleibt sie lebendig …” Demnach wachsen wir also genauso wie es Alan Watts vorhin bei den Pflanzen beschrieben hat: Samen – und so auch wir – wachsen durch eine Erweiterung von innen heraus. Lassen wir uns darauf ein – ganz ohne Zwang oder Anstrengung, sondern vielmehr wie Kinder: intuitiv und aus dem Herzen heraus. Ja: Lassen wir so wunderschöne Blüten in uns aufblühen. Auf diese Weise nähern wir uns ganz von alleine dem „Dao” an, wie die Chinesen es nennen; es umschreibt den fließenden Lauf des Universums und der Natur. Alles beginnt in Dao, alles fließt in Dao und alles endet in Dao …

Der Ursprung allen Seins

Viele Menschen haben im Laufe der Zeit bei dem Versuch, Dao zu definieren wunderschöne Texte verfasst:

„Es war vor Himmel und Erde und wird in alle Ewigkeit sein. Es verlieh den Göttern ihre Göttlichkeit und der Welt ihr Dasein. Es ist über dem Zenit und doch nicht hoch. Es ist unter dem Nadir und doch nicht tief. Obwohl es früher da war als Himmel und Erde, ist es doch nicht aus der Vorzeit. Obwohl es älter ist als das Urälteste, ist es doch nicht alt”, beschrieb es zum Beispiel ein chinesischer Philosoph vor tausenden von Jahren.

Du merkst bestimmt schon: Dieses Ursprüngliche, dieses Urgründliche lässt sich nicht direkt in Worte kleiden. Wir können es aber jederzeit tief in uns drinnen spüren und ihm Raum schenken – und kommt es nicht darauf an?

Die älteste Schrift, in der der Begriff des Dao behandelt wird, ist das „Daodejing” von Laozi. Einer uralten Legende nach soll der chinesische Philosoph im sechsten Jahrhundert vor Christus in einem Archiv als Schreiber gearbeitet und dabei seine Lehre entwickelt haben. Als ihm bewusst wird, dass der Staat bald untergeht, will er sich in die Stille der Berge zurückziehen. An einem Grenzpass verlangt ein Wächter, dass er seine Gedanken verschriftlichen müsse – erst dann dürfe er weiterziehen. Nachdem er seine Lehre in einem Buch verewigt, geht Laozi seines Weges. Die Legende sagt weiter, dass er durch kontemplative Praktiken über 160 Jahre alt geworden ist.

Der Natur vertrauen

Das heißt nun aber nicht, dass wir uns in ein Kämmerlein zurückziehen müssen, um nur noch fleißig zu meditieren oder hochkonzentrierte Übungen zu machen. Im Gegenteil. „Kontemplative Daoisten werden gerne mit Yogis und Zen-Anhängern sitzen, solange sie es vernünftig und angenehm finden, aber wenn die Natur ihnen sagt, dass sie ‚den Fluss antauchen’, stehen sie auf und machen etwas anderes oder gehen schlafen”, beschreibt es Religionsphilosoph Alan Watts. Das klingt nach einer Lehre, die ganz nah am Leben ist. Und richtig angenehm menschlich, oder?

Das Schöne am Prinzip des Wu-Wei ist, dass wir uns voll und ganz auf unsere Natur verlassen und gar nichts falsch machen können. Lauschen wir in uns und auch in das Universum hinein, finden wir ganz viel Sicherheit und Ruhe, aber auch Lebendigkeit und Freiheit. Oder wie es der Philosoph Laozi einst sagte: „Übe dich im Nichttun, und alles fügt sich zum Guten.” Denn es fügt sich zu dem, was es sein soll.

Kleine Atemübung – Den Atemfluss beobachten

Die Atmung hilft, sich vollkommen auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren…

Setze dich hin, so wie du dich am wohlsten fühlst, und schließe sanft die Augen. Versuche, all deine Muskeln zu entspannen – auch die im Gesicht. Klappt das nicht so gut, ist es vielleicht hilfreich, alle Muskeln noch einmal kräftig anzuspannen und dann bewusst loszulassen.

Atme ruhig ein und aus und versuche dabei, dich auf den Atemfluss zu konzentrieren. Beobachte, wie sich die Bauchdecke sanft hebt und senkt oder wie die Atemluft die Nasenlöcher leicht kühlt. Beobachte nur und bewerte nicht. Schweifst du gedanklich ab, kehre einfach wieder zu deiner Atmung zurück, ohne dir Vorwürfe zu machen.

Atme nach etwa 15 Minuten ein paarmal bewusst tief ein und aus. Öffne die Augen, wenn du dich bereit dazu fühlst und gönne dir etwas Zeit, bevor du wieder aktiv wirst.