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Was unser Leben uns erzählen würde – eine Verabredung mit uns selbst

Lass uns reden

Was würde dein Leben erzählen?
Was würde dein Leben erzählen?
© Tessa Rampersad via Unsplash

Stell dir vor, dein Leben würde bei dir an der Tür klingeln. Wie würde es aussehen?  Was für eine Erscheinung hätte es, wenn es eine Person wäre … Liebevoll gepflegt und ausgeruht? Oder doch eher ein wenig zerrupft vom Alltag, abgehetzt – und irgendwie nicht wirklich glücklich. Fragen wir unser Leben doch einfach mal: Wie geht es dir?  Was tut dir gut? Und vor allem: Bekommst du genug Aufmerksamkeit? Solche Fragen stellen wir uns ja sonst nie, im hektischen Alltag. Dabei wären gerade sie es, die uns helfen könnten; endlich damit anzufangen, unsere Zeit nicht irgendwelchen unwichtigen Dingen zu widmen; sondern ihm, unserem Leben. Denn genau so entsteht echte, wertvolle „Lebens-Zeit”.

Oft sind wir so sehr damit beschäftigt diesen Alltag zu meistern: Wir erfüllen Rollen, wollen einen guten Eindruck hinterlassen und tun Dinge, von denen wir denken, dass die Mitmenschen sie von uns erwarten. Natürlich zeigen wir uns auch gerne von unserer schönen und starken Seite, wollen geliebt und geschätzt werden und versuchen, es anderen recht zu machen. Doch sind das alles noch wir? All diese Kompromisse und fremden Ziele? Genau über diese Fragen hat sich auch die irische Autorin Cecelia Ahern Gedanken gemacht.

Im Roman „Ein Moment fürs Leben“ bekommt Hauptfigur Lucy eine Einladung von ihrem Leben. Erst ignoriert sie das. Doch als es sich immer wieder hartnäckig bei ihr meldet, besucht sie ihr Leben in seinem Büro. Lucy ist über seine Erscheinung schockiert: Ihr Leben trägt einen schmuddeligen grauen Anzug, hat dunkle Augenringe und schwitzige Hände – was für ein verlottertes Leben! Doch die Gründe dafür sind für das trostlose Männchen ganz klar. Es meint zu ihr: „Sie sind halbherzig, Sie verschwenden Zeit, Sie bringen nichts zu Ende, außer einer Flasche Wein oder einer Tafel Schokolade. Ständig ändern Sie Ihre Meinung. Sie haben Angst vor einer Bindung.“ Eine bedrückende Diagnose! So bedrückend, dass Lucy schnell das Gespräch abbricht und sich in einem Café bei einer Tasse Kaffee zerstreut. „Ich mag Kaffee, er macht mich auf die Art glücklich, wie einen kleine Dinge glücklich machen können. Wenn ich in einem Café saß, bedeutete das, dass ich in Gesellschaft anderer Menschen war, und der Kaffee bedeutete, dass ich glücklich war. Also war ich nicht mehr alleine und unglücklich.“

Kommt Ihnen manches davon vielleicht bekannt vor? Wahrscheinlich finden wir alle irgendwo eine kleine Lucy in uns drin. Einen Anteil, der lieber nicht so genau hinsieht und um große Gefühle und Wahrheiten lieben einen Bogen macht … Dabei spüren wir tief in uns drin: Wenn wir unseren Gefühlen und unserem „Ich“ Raum geben würden, würden wir ganz viel gewinnen – in diesem Moment und auch auf lange Sicht.

Tania Konnerth, Bloggerin auf www.meinachtsames-ich.de, weiß das aus eigener Erfahrung. „Allein die Hinwendung zu mir selbst, zu meinen Gefühlen und zu der Frage, wie es mir geht oder was gerade mit mir los ist, ist kostbare Ich-Zeit, denn dann bin ich wirklich da für mich“, erzählt sie. Da sein für sich selbst – so wie für einen guten Freund. Dazu gehört auch, Gefühle nicht zu bewerten, sondern lieber hinter sie zu schauen: Wieso ist es gerade so? Wieso nicht anders? Wahrnehmen und annehmen … Für Tania Konnerth ist das aufmerksame Hineinspüren in sich selbst eine Lebensentscheidung: „In Achtsamkeit drückt sich mein Wunsch aus, intensiv mit all meinen Sinnen zu leben und zu fühlen. Achtsamkeit lehrt mich, Respekt gegenüber dem zu haben, was ist, ohne eingreifen zu wollen. Das betrifft mich selbst, aber auch das Außen. Wir sind so sehr darauf geeicht, immer gleich alles beeinflussen und vor allem kontrollieren zu wollen, dass wir verlernt haben, Gefühle, Dinge und auch andere Menschen tatsächlich einfach nur wahrzunehmen und sein zu lassen, wie sie sind.“

ACHTSAM SEIN, EHRLICH SEIN

Übrigens: Genau das ist es, was auch Lucy Silchester und ihr Leben im weiteren Verlauf des Romans tun. „Die Idee ist, dass wir Zeit zusammen verbringen und uns besser kennenlernen“, erklärt Lucy. Ihr Leben beginnt schließlich, immer dann eine Wahrheit über sie auszuplaudern, sobald Lucy anfängt zu lügen – denn das kann sie besonders gut: Halbwahrheiten über sich erzählen, sich nicht angreifbar machen. Sich ins eigene Schneckenhaus zurückziehen und die Gefühle tief in sich vergraben.

Dabei können wir nur gewinnen, wenn wir uns öffnen – erst uns selbst, dann anderen gegenüber. „Je mehr ich mich für mich selbst öffne und mich selbst in meinem Sein erkenne und SEIN lasse, desto intensiver werde ich mein Leben tatsächlich als meines erleben. Und nur so kann es mich nähren“, schreibt Tania Konnerth in ihrem „Selbstlernkurs“.

Bei Lucy hinterlässt die Verabredung mit ihrem Leben Spuren: Sie verarbeitet die Trennung von ihrem Partner, indem sie dem Schmerz ins Gesicht blickt. Auf diese Weise kann sie sich anderen Männern wieder zuwenden. Sie offenbart ihren Freunden , wie unglücklich sie in ihrem Beruf ist, nimmt ihre Hilfe an und versucht, etwas zu finden, wofür sie sich begeistern kann. Denn Begeisterung, die aus dem Herzen kommt, weckt unsere Lebensgeister viel mehr als es die Pläne und Ziele des Verstandes jemals könnten.

SICH SELBST NEU ENTDECKEN

Unser Leben ist aber natürlich kein Roman. Und der Alltag treibt uns oft in eine andere Richtung: ganz weit weg von uns selbst. In stressigen Zeiten funktionieren wir, werden hart gegen uns selbst. Wie bekommt man dann wieder Zugang zu sich selbst?

Tania Konnerth hat für sich die so genannten „Selbstporträts“ entdeckt. Dazu stellt man sich vor eine weiße Wand und macht mit dem Smartphone oder der Digitalkamera ganz viele Fotos von sich – beim Lächeln, Grimassen ziehen, ganz nach Lust und Laune. Dann betrachtet man die Bilder. Wen oder was erkennen wir darauf?

Tania Konnerth über ihre Porträts: „Zu Beginn meiner eigenen Sitzungen glotze ich meist erwartungsvoll oder skeptisch und ziemlich verkrampft in die Kamera und so sehen auch die Bilder aus. Nach einer Weile werde ich lockerer und es entstehen schon mal einige ‚nette‘ Bilder. Ich will aber weiter, ich will hinter die netten Bilder – ich will MICH an diesem Tag, in diesem Moment.“ Das Schöne: Durch die Übung können wir lernen, uns selbst aus ganz neuen Perspektiven zu betrachten und unser Herz für diesen einzigartigen und liebenswerten Menschen zu öffnen.

So wie es auch Lucy im Roman geschafft hat … Am Ende erkennt man ihr neues Leben kaum wieder: Es trägt Jeans, ein frisches weißes Leinenhemd und glänzende Schuhe. Seine Zähne sind schön weiß, überhaupt ist das Leben nun gepflegt. Lucy hat erkannt: „Solange du auf dieser Welt bist, ist dein Leben auch da. Und genau wie wir unsere Partner und Partnerinnen, unsere Eltern, Kinder und Freunde mit Liebe und Zuwendung überschütten, müssen wir es auch mit unserem Leben tun, denn es gehört uns, jedem von uns. Du bist dieses Leben, es ist immer bei dir, um dich zu unterstützen, es spornt dich an, es jubelt dir zu, selbst wenn du denkst, du kannst nicht mehr. Eine Weile habe ich mein Leben aufgegeben, aber daraus habe ich gelernt, dass das Leben, selbst wenn so etwas passiert, ja, vor allem, wenn so etwas passiert, dich niemals aufgibt. Mein Leben hat mich nicht aufgegeben. Wir werden füreinander da sein bis zum letzten Augenblick, und dann werden wir uns ansehen und sagen: ‚Danke, dass du bis zum Schluss bei mir geblieben bist.‘“

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  • Was willst du lernen?
  • Welche Erfahrungen wünschst du dir?
  • Wofür bist du dankbar?

ZUM WEITERLESEN:

„Ein Moment fürs Leben” von Cecelia Ahern(Fischer Verlag, 9,99 €) und

„Mein achtsames Ich. Ein Selbstlernkurs für Mutige und solche, die es werden wollen” von TaniaKonnerth (als E-Book über www.mein-achtsames-ich.de, 39 €)