Bookmark

Was Sterbende am meisten bereuen

Ich wünschte, ich hätte …

Was will ich wirklich? Eine Frage, die man sich oft erst zu spät beantwortet.
Was will ich wirklich? Eine Frage, die man sich oft erst zu spät beantwortet.
© Cristian Newman via Unsplash

Zu viel Arbeit, zu wenig Freude – wie die Geschichten todkranker Menschen uns helfen können, unsere restliche Lebenszeit sinnvoll zu nutzen.

Berechne deine Lebenszahl: Das sagt dein Geburtsdatum über dich aus

Wenn ich endlich genug Geld habe, werde ich … Jetzt noch viel schuften, aber später dann … Mein Bruder weiß, dass ich ihn liebe, das muss ich ihm nicht extra sagen … Meine Freundin rufe ich nächste Woche irgendwann an, jetzt habe ich gerade keine Zeit … Wie viele von uns denken wohl fast täglich Sätze wie diese? Morgen, nächste Woche, in zehn Jahren. Wir schieben vieles auf und vor lauter Planung vergessen wir, im Hier und Jetzt zu leben.

Wie die Menschen aus „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“, einem Buch der Australierin Bronnie Ware (46). Sie arbeitete über acht Jahre lang in England als Sterbebegleiterin. Die Geschichten, die die meist alten Menschen ihr erzählten, offenbaren einen unendlichen Schatz an Lebensweisheiten. Über die Patienten selbst erfahren wir kaum etwas außer ihrem Vornamen. Woran sie alle am Ende gestorben sind, verschweigt die Autorin. Das ist okay so. Denn ihre Geschichten berühren einen auch so tief im Herzen.

Da ist zum Beispiel Grace: „Ihr gesamtes Eheleben lang hatte Grace davon geträumt, unabhängig von ihrem Mann zu leben, zu reisen, nicht mehr unter seiner diktatorischen Fuchtel zu stehen, vor allem anderen aber ein schlichtes, glückliches Leben zu führen. Obwohl sie schon über 80 war, war sie immer noch sehr fit und gesund gewesen für ihr Alter. Solange man gesund ist, ist man auch mobil, und das war Grace, als ihr Mann ins Heim kam … Wenige Tage später bekam sie die Diagnose, dass sie an einer unheilbaren Krankheit litt, und zwar bereits im fortgeschrittenen Stadium. Das Ganze wurde noch bitterer dadurch, dass sie ihre Krankheit ihrem Mann zu verdanken hatte, der jahrzehntelang im Haus geraucht hatte“, schreibt die Autorin. Ob es Lungenkrebs war oder eine andere Krankheit, das lässt die Autorin bewusst im Dunkeln.

Aber was es genau war, das Grace dazu gebracht hat über ihr vergangenes Leben nachzudenken, ist letztendlich auch egal. Wie wäre wohl alles verlaufen, wenn sie den Mut gehabt hätte, „Nein“ zu sagen. Zu ihrem tyrannischen Ehemann, zu ihrem tristen Leben. Oder einfach nur zur Raucherei ihres Gatten? So aber konnte sie von all den aufregenden Reisen, die sie gerne noch gemacht hätte, nur träumen. Sie (und wohl auch viele andere Patienten der Autorin) bedauerte, viel zu lange so gelebt zu haben, wie es andere von ihr erwartet haben.

Bronnie Ware schreibt auch über John. Er war ein alter Gentleman. Unwillkürlich muss man grinsen, wie sie beschreibt, dass er mit seiner hübschen Pflegerin vor seinen ebenfalls betagten Freunden angab.

Doch so lustig er scheint, so traurig ist das, was sich dahinter verbirgt: „Als alle Kinder erwachsen waren und das Haus verlassen hatten, bat Margaret ihren Mann, in Ruhestand zu gehen. Beide waren fit und gesund und hatten genug Geld beiseitegelegt, um ihren Lebensabend bequem genießen zu können. Aber er meinte, es würde vielleicht doch noch nicht ganz reichen … Doch leider genoss er vor allem den Status, den seine Arbeit ihm verlieh. Dabei mochte er die Arbeit an sich gar nicht so sehr, wie er mir gestand, sondern nur die Rolle, die er dadurch in der Gesellschaft und bei seinen Freunden spielte.“

Video Empfehlung

Wir tun so, als hätten wir alle Zeit der Welt

Die Geschichten von John und Margaret enden tragisch. Nur wenige Monate bevor John endlich und tatsächlich in Rente gehen will, erkrankt seine Frau schwer und stirbt kurz darauf. Von da an war er allein. Den Zurückgelassenen plagten selbst auf dem Sterbebett noch Schuldgefühle. Alles, was er sich noch wünschte, war, mit seiner Margaret lachen zu können. „Wir verbringen so viel Zeit damit, Pläne für die Zukunft zu schmieden, machen uns aber abhängig von irgendwelchen Ereignissen, die erst noch eintreffen müssen, damit wir glücklich sein können, und tun so, als hätten wir alle Zeit der Welt – dabei haben wir nichts anderes als das Leben heute“, schreibt Bronnie Ware. Ein Satz, der zum Nachdenken anregt.

Wie alle Geschichten in ihrem Buch. Auch die von Doris. Die liebe alte Dame im rosa Nachthemd lebte seit einigen Monaten in einem Altersheim. Die Zustände dort waren wohl nicht die besten. Kaum Zeit für ein freundliches Wort. Die einzige Tochter lebte weit weg in Japan. Mit der fröhlichen Bronnie Ware freundete sie sich daher schnell an. Und auch in ihrem Leben gab es etwas, das sie zutiefst bedauerte: „Ich wünschte, ich hätte nie den Kontakt abreißen lassen. Man denkt immer, dass die Freunde immer da sein werden. Aber das Leben geht weiter, und plötzlich stehen Sie da und haben keinen Menschen auf der Welt, der Sie versteht oder irgendetwas über Ihre Geschichte weiß.“

Es ist nie zu spät

Einen kleinen Unterschied gibt es aber: Dank Bronnie Ware wurde ihr letzter Wunsch zumindest ein wenig erfüllt. Die Palliativpflegerin ließ sich Namen der alten Freunde geben und machte sich auf die Suche nach ihnen. Zwei von den vieren auf der Liste waren bereits verstorben. Eine konnte wegen eines Schlaganfalls nicht mehr sprechen, ihr schrieb Doris wenigstens einen Brief. Aber eine war gesund und munter. Doris telefonierte eine Ewigkeit mit ihr. Am selben Nachmittag verstarb sie … Und so war es ein einziges, simples Telefonat, dass sie zufrieden von dieser Welt gehen ließ.

Wir kennen das alle: Ein Treffen mit Freunden wird abgesagt oder verschoben. Weil es gerade nicht passt. Es kommt etwas dazwischen. Manchmal hat man auch einfach keine Lust. Je länger man sich nicht meldet, desto mehr schiebt man es auf. Irgendwann schläft der Kontakt vielleicht sogar ganz ein. Doris’ Geschichte zeigt aber, dass uns das vielleicht einmal leidtun wird. Und dass es nie zu spät ist, alte Brücken zu erneuern. Im Heim zu sterben wie Doris – das wünschen sich nur sehr wenige Menschen.

Eine „Spiegel“-Umfrage ergab, dass 66 Prozent am liebsten zu Hause für immer die Augen schließen würden. So wie Rosemary. Auch sie ist eine der Todkranken aus „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen.“ Und anfangs keine sehr angenehme Patientin. Sie brüllt, kommandiert herum und ist gemein. Früher war sie Managerin gewesen, hatte Karriere gemacht und war es gewohnt, ihre Gefühle für sich zu behalten. Bronnie Ware stellte sie vor eine Entscheidung: Netter sein oder sich eine neue Pflegerin suchen. Durch Geduld, Liebe und Freundlichkeit fand sie den Grund für das schwierige Verhalten ihrer Patientin heraus. „Rosemary wollte auch gern glücklich sein, wie sie mir später anvertraute, aber sie wusste nicht, wie sie es anfangen sollte“, schreibt sie. Und schließlich gibt Rosemary zu: „Ich wünschte, ich hätte mir gestattet, glücklicher zu sein. Was für ein jämmerlicher Mensch ich gewesen bin. Ich hab einfach gedacht, dass ich kein Glück verdiene. Aber ich verdiene es. Das weiß ich jetzt. Als ich heute Morgen mit dir gelacht habe, wurde mir klar, dass es überhaupt keinen Grund gibt, Schuldgefühle zu haben, weil man glücklich ist.“

Nach außen führte Rosemary sicher ein tolles Leben: Erfolg und bestimmt auch viel Geld. Doch innere Zufriedenheit, das kleine, stille Glück im Herzen – das fand sie erst kurz vor ihrem Tod. Und auch das ist unendlich schade. Denn sicher hat sie sich viele Lachanfälle und Freudentränen verkniffen. Bis sie gar nicht mehr wusste, wie das eigentlich geht, dieses glücklich sein.


Wir können so viel lernen

Letzte Wünsche von Todkranken – in Deutschland erfüllt die zum Beispiel die „In nitas-Kay-Stiftung“. Auf ihrer Homepage (www.ein-letzter-wunsch.de) sind einige davon veröffentlicht. So wollte Herr B. gerne noch seinen 90. Geburtstag gebührend feiern. Die krebskranke Frau H. C. bekam eine schöne Perücke. Und einer wünscht sich nur wenige Stunden vor seinem Tod eine einfache Rosinenschnecke. Seine Tochter konnte ihm diesen Wunsch nicht mehr erfüllen – und genau das war der Auslöser für sie, die Stiftung zu gründen. Es sind eben die scheinbar unwichtigen Dinge im Leben, die dann doch die größte Rolle spielen. Und vielleicht ist das auch etwas, das wir von Sterbenden lernen können.

Übrigens finden 58 Prozent, dass die Gesellschaft sich zu wenig mit dem Thema „Sterben und Tod“ befasst (Umfrage: Deutscher Hospiz- und Palliativverband). Bronnie Ware hat sich des Themas angenommen. Und letztendlich festgestellt, dass es fünf Dinge sind, die Sterbende am meisten bereuen:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten
  • Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet
  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen
  • Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten
  • Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt

Vielleicht fühlen Sie sich bei dem einen oder anderen Satz ertappt. Damit sind Sie auch sicher nicht allein. Grace, John und die anderen konnten die Zeit nicht zurück drehen. Aber wir, wir haben hoffentlich noch genug davon. Um zu reisen, zu lieben, zu lachen und die Sonne zu begrüßen. Haben Sie auch unverwirklichte Wünsche und Träume? Die beste Zeit etwas daran zu ändern ist – jetzt!

‚5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen‘

Buch Cover: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen von Bronnie Ware

5 Dinge die Sterbende am meisten bereuen von Bronnie Ware/ © Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Melancholisch, unterhaltsam, lesenswert – und lehrreich. Das Buch von Bronnie Ware trägt den Untertitel „Einsichten, die Ihr Leben verändern werden”. Ihr Blog: www.inspirationandchai.com (Arkana Verlag, 19,99 €).

Oma verrät ihrer Enkelin wichtige Lebensweisheiten