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Urvertrauen: Darum ist eine gute Eltern Kind-Bindung so wichtig

Stärke aus der Geborgenheit

Eine starke Bindung mit deinem Kind.
Eine starke Bindung mit deinem Kind.
© Lauren Lulu Taylor via Unsplash

Die ersten Lebensjahre werden, was die persönliche Entwicklung anbelangt, meist als die wichtigsten des gesamten Lebens bezeichnet. In dieser Zeit erlernen wir nicht nur die vielfältigsten motorischen Fähigkeiten, lernen unsere Muttersprache(n) und wachsen wie verrückt – auch auf spiritueller Ebene werden viele Weichen gestellt. Neben den Neigungen und Talenten, die wir etwa vererbt bekommen, ist es hier vor allem unser direktes Umfeld mit den wichtigen Bezugspersonen, die uns dabei prägen.

Ein liebe- und vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern oder anderen Personen, die die Erziehung übernehmen, sorgt für die Entwicklung des sogenannten Urvertrauens. Dies ermöglicht uns im Laufe unseres weiteren Lebens, zu uns selbst und zu Anderen eine gesunde Beziehung aufzubauen.

Wie bauen wir ein gesundes Urvertrauen auf?

Den Begriff des Urvertrauens hat 1959 der Psychologe Erik Homburger Erikson geprägt. Er hat die kindlichen Entwicklungsphasen intensiv studiert und bezeichnete damit eine wichtige emotionale Anlage, die uns unser gesamtes Leben begleitet. Unsere engste(n) Bezugsperson(en) vermitteln uns von Geburt an ein fundamentales Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Angstfreiheit.

Das Urvertrauen kann sich entwickeln, indem sich Eltern oder andere Bezugspersonen dem Baby liebevoll zuwenden, sich kümmern, wenn es weint und ihm auch körperliche Nähe schenken. Eine solche behütete Umgebung schafft die Grundlage, damit sich weitere Fähigkeiten ausbilden können:

  • Wir können ein Gefühl dafür entwickeln, welchen Menschen wir vertrauen können und welchen nicht.
  • Wir können ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl entwickeln.
  • Wir können uns durch das Gefühl der Sicherheit angstfrei auf neue Situationen einlassen und Herausforderungen angehen

Mutter hält ihr Baby im Sonnenlicht.

© Julie Johnson via Unsplash

Nicht jeder hat das Glück in einer solch liebevollen Umgebung aufzuwachsen. Es gibt viele Gründe, weshalb sich die Eltern-Kind-Bindung nicht natürlich entwickeln kann. Eigene emotionale Probleme der Eltern beispielsweise oder eine Überforderung. In manchen Fällen kann auch eine postnatale Depression bei der Mutter dazu führen, dass sie sich ihrem Baby nicht fürsorglich zuwenden können. Dann ist es wichtig, dass dies von einer anderen Person übernommen wird.

Stärke: Dein Selbstvertrauen

Weitere Einflüsse auf die Entwicklung des Urvertrauens

Ganz am Anfang, kurz nach der Geburt, sorgt vor allem direkter Körperkontakt für ein sicheres Gefühl. Später, wenn die Babys anfangen, bewusst ihre Umgebung wahrzunehmen und zu erkunden, genügt es, wenn die Bezugsperson in der Nähe ist. Dann ist das Urvertrauen bereits so weit ausgeprägt, dass das Wissen über ihre Anwesenheit ausreicht, um sich sicher und aufgehoben zu fühlen.

Natürlich gibt es zur Eltern-Kind-Bindung auch ein passendes Gegengewicht, wie beinahe immer in der Psychologie. Was einer unbedingten Verbindung entgegenspricht, ist das ebenfalls natürliche Explorationsverhalten. Wir verfügen über eine angeborene Neugierde, die uns dazu treibt, Neues zu erforschen.

Dieses Verhalten ist wichtig und dient als maßgeblicher Antrieb, eigene Erfahrungen zu machen und Neues zu lernen. Werden wir zu sehr behütet und verlassen uns stets auf die Anweisungen und das Handeln der Bezugspersonen, bleibt dieser Schritt aus oder kann nur bedingt erfolgen.

Häufige wechselnde Bezugspersonen können sich ebenfalls negativ auf eine gesunde Entwicklung des Urvertrauens auswirken. Denn Vertrauen aufzubauen benötigt vor allem Zeit. Eine enge Beziehung zu einer einzelnen Person sorgt gerade ganz am Anfang für ein deutlich stärkeres Sicherheitsempfinden.

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Familie und Elternschaft heute

Die klassische familiäre Aufteilung, in der sich die Mutter – über einen Zeitraum von mehreren Jahren – intensiv um ihr Kind kümmert und somit die wichtigste Bezugsperson darstellt, ist heute stark am Bröckeln. Immer häufiger bleiben auch Väter im Rahmen der Elternzeit in den ersten Monaten zuhause, um eine stärkere Bindung zu ihren Babys aufzubauen.

Andere wiederum sind darauf angewiesen, so früh wie möglich wieder in den Beruf einzusteigen. Dann übernehmen Großeltern die Aufgabe, das kleine Kind zu betreuen und damit eine wichtige Stellung für die Enkel. Alternativ kann auch ein Krippenplatz weiterhelfen. Die meisten Kinder werden in Deutschland frühestens ab einem Alter von einem Jahr in fremde Obhut gegeben – dann endet auch die bezahlte Elternzeit. Grundsätzlich ist aber auch eine Betreuung ab drei oder sechs Monaten möglich. Doch was bedeutet dies für die Eltern-Kind-Bindung?

Behütete Sicherheit oder freie Entfaltung?

Ein allgemeingültiges Urteil ist wie immer sehr schwierig. Ergebnisse einer intensiven Untersuchung zeigen, dass es auch auf die individuelle Persönlichkeit der Kinder ankommt. Unter Umständen können wir nämlich auch davon profitieren, wenn wir uns relativ früh nicht nur auf die Eltern als alleinige Bezugspersonen fixieren. So wird unter anderem die Selbständigkeit stärker gefördert und manche Kinder sind offener gegenüber unbekanntem.

Dennoch ist der Zeitfaktor sehr wichtig. Die Studie hat herausgefunden, dass Kinder, die im ersten Lebensjahr regelmäßig länger als 30 Stunden in der Woche von ihrer familiären Bezugsperson getrennt waren, häufiger ängstlich oder sehr introvertiert sind. Klar ist, dass wir nun mal eine gewisse Sicherheit benötigen, um selbstbewusst und mutig genug zu sein, uns auf „unsicheres“ Terrain zu begeben.

Hierzulande hat der Gesetzgeber deshalb mit der Elternzeit die Möglichkeit geschaffen, dass Eltern genügend Zeit haben, eine enge Bindung zu ihren Kindern aufbauen zu können. Einzelne Details können dabei selbst festgelegt werden, etwa, wer von beiden wie lange zuhause bleibt. So haben sowohl Väter als auch Mütter die Gelegenheit, ihr Kind beim Aufwachsen intensiv zu begleiten.

Wie kannst du deinem Urvertrauen nachspüren?

Oft beschäftigen wir uns erst im Erwachsenenalter damit, wie es um unser Urvertrauen bestellt ist. Manchmal sind konkrete Probleme der Auslöser dafür, zum Beispiel, wenn es uns schwerfällt, sich in einer Beziehung vertrauensvoll auf den Partner einzulassen. Oder wenn wir mit verschiedenen Ängsten konfrontiert sind.

Manchmal ist es aber auch der Wunsch, mehr über sich selbst und bestimmte Handlungsweisen zu erfahren, deren wir uns in den unterschiedlichsten Situationen immer wieder bedienen.

Kind sizt auf den Schultern des Vaters und formt eine Brille mit den Fingern.

© Edi Libedinsky via Unsplash

Der einfachste Weg ist natürlich, sich an seine Kindheit zu erinnern und seinem ganz eigenen Verhältnis den Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen auf den Grund zu gehen:

  • Besteht oder bestand ein liebevolles Verhältnis?
  • Hast du als Kind viel Zeit mit deinen Eltern verbracht?
  • Habt ihr gerne miteinander gekuschelt oder war die Verbindung eher distanziert?
  • Konntest oder kannst du dich auf deine Eltern immer verlassen?
  • Gibt es andere Personen, zu denen du als Kind eine prägende Beziehung hattest?
  • Wie gehst du mit Trennungen um?
  • Fällt es dir eher leicht oder schwer, anderen Menschen zu vertrauen?

Manchmal können auch persönliche Gespräche mehr Aufschluss geben. Doch unsere eigene Erinnerung an früher reicht meist nur bis etwa zum dritten Lebensjahr zurück. Alles was davor stattgefunden hat, entzieht sich einer bewussten Erinnerung.

Diese frühe Zeit ist eher tief in unserem Unterbewusstsein verankert und ein „Erinnern“ basiert eher auf einem bestimmten Gefühl, das sich dabei in uns ausbreitet. Bei einem Achtsamkeitstraining oder einer Meditation kann es gelingen, dieses Gefühl zu verstärken und zu erforschen. So kann es uns ebenfalls Einblicke in unsere frühkindliche Beziehung zu unseren Eltern geben.

Chance verpasst: Kann man das Urvertrauen nachträglich „lernen“?

Die meisten Psychologen sind sich hier relativ einig. Sie sagen, dass sich das Urvertrauen in einem höheren Alter kaum mehr herstellen lässt. Die intensive Betreuung und das liebevolle Umsorgen in demselben Maß, wie in den ersten Monaten nach der Geburt notwendig, lassen sich dann kaum ausreichend nachholen, um das fehlende Vertrauen zu stärken.

Allerdings ist es möglich, selbst an sich zu arbeiten und einzelne Aspekte, die mit dem Urvertrauen zusammenhängen gezielt zu stärken. Denn meist sind es auch nur einzelne Bereiche, in denen wir tatsächlich ein Defizit spüren. So kann man am eigenen Selbstvertrauen arbeiten oder „üben“, einem Partner besser zu vertrauen.

Ein wichtiger Punkt ist es, positive Erfahrungen zu schaffen, auf die wir uns im Zweifelsfall stützen können. Solche Erfahrungen können ebenfalls Sicherheit schaffen. Mit einem starken Selbstvertrauen ist es möglich, Ängste zu überwinden und Herausforderungen zu meistern.