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Spieglein, Spieglein an der Wand …

Ein Jahr ohne Spiegel

Spiegel Adieu: Das Selbstbild der Frau sollte sich nicht über die Optik definieren.
Spiegel Adieu: Das Selbstbild der Frau sollte sich nicht über die Optik definieren.
© Enrico Carcasci via Unsplash

Eine neue Haarfarbe muss her. Sofort! Am liebsten ein helles Blond. Wie Gwyneth Paltrow. Mit zwei Packungen Haarfärbemittel verlässt die junge Frau die Drogerie. Mischen, auftragen, einwirken lassen, fertig. Aufgeregt und total von sich überzeugt präsentiert sie sich ihrem Ehemann. Der reagiert anders als erwartet. Die jetzt neongelb-gefleckten Haare seiner Liebsten verwundern ihn eher. Sie gerät in Panik. Was tun? Sie klatscht eine zweite Packung auf die Haare und macht alles nur noch schlimmer. Kein Wunder, Kjerstin Gruys (30) hat alles ohne Spiegel erledigt.

Ein Jahr lang verzichtete die Amerikanerin auf den geliebten Feind der Frauen. Sogar an ihrem Hochzeitstag! Um wirklich durchzuhalten schrieb sie parallel einen Blog. Und der wurde anschließend als Buch veröffentlicht. „Mirror, mirror … off the wall – Untertitel: „Wie ich lernte, meinen Körper zu lieben – indem ich ihn ein Jahr lang nicht ansah“ heißt es. Also quasi „Spieglein, Spieglein … nicht an der Wand“. Das Gegenteil des Spruches, den die böse Königin im Märchen verwendet, um Schneewittchen zu finden. Im Buch finden sich nicht nur so lustige Anekdoten wie das Haarfärbe-Malheur (das übrigens mit zwei Friseur-Besuchen auch wieder in Ordnung kam), sondern vor allem eine atemberaubend spannende Entdeckung: Wie eine junge Frau sich selbst erkennt und lieben lernt – gerade, indem sie sich nicht ständig kritisch im Spiegel selbst betrachtet.

Abschied vom Spiegelbild

Als Soziologin beschäftigt sich Kjerstin Gruys beruflich mit dem Selbstbild von Frauen. In gesellschaftlichen Fragen ist sie Expertin dafür, warum wir Frauen uns um unser selbst willen lieben sollten und nicht wegen des Aussehens oder der Körpermaße. Theoretisch ist ihr das klar – doch für sich selbst, für ihr eigenes Leben konnte sie das nicht umsetzen: „Ich wusste, dass ich nicht hässlich bin… Aber aus irgendeinem verqueren Grund, trotz all meiner Errungenschaften und guten Eigenschaften, fühlte sich die Vorstellung nur ‚reizend‘ oder bloß ‚hübsch‘ zu sein an wie ein Misserfolg,“ schreibt sie in ihrem Buch – und beschließt, etwas zu ändern. Sie will Abschied nehmen von ihrem Spiegelbild. Einfach um zu sehen, was passiert. Um zu spüren, ob es sich besser anfühlt. Ob der Schönheitsdruck verschwindet, irgendwann…

Denn diesen Druck, den verspürt sie in der Zeit, als sie das Projekt beginnt, besonders stark. Der Grund. Sie will bald heiraten. Von überall spürt sie die Erwartung, eine wunderschöne, dünne Braut sein zu müssen. „Ich hasste es, Fotos von mir zu sehen, ich sagte gemeine Sachen zu meinem Spiegelbild und wollte dringend abnehmen“, schreibt sie auf ihrem Blog. „Die Unsicherheit wegen meines Körpers hatte einen gefährlichen Höhepunkt erreicht und das machte mir Angst.“ Also startete die Kalifornierin am 25. März 2011 ihre spiegelfreie Reise. Kjerstins selbst aufgestellte Regeln waren einfach: ein Monat Übergangszeit, keine reflektierenden Oberflächen, keine „virtuellen“ Spiegel wie Fotos oder Videos, Schatten anschauen erlaubt. Sie bringt sich das „blinde“ Schminken bei. Statt zehn Produkten (inklusive Wimpernzange) benutzt sie nur noch Wimperntusche, getönte Tagescreme, Creme-Lidschatten und Puder.

Und sie erlebt lustige Dinge. Beim Shoppen zum Beispiel. Mit einem Handtuch bewaffnet, entert sie die Umkleidekabine um den Spiegel abzuhängen. Oder als sie ihren Verlobten fragt, wie es eigentlich um ihre Augenbrauen steht… Der antwortet: „Naja, sie sehen etwas fusselig aus, aber ich dachte, du willst sie rauswachsen lassen oder so etwas.“ Ah, Männer! Er bietet an, sie ihr zu zupfen, aber das versetzt Kjerstin noch mehr in Panik.

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Die Versuchung wird größer

Herausforderungen gibt es viele. Zum Beispiel als Kjerstin sich ein Fahrrad kaufen möchte. Problem Nummer Eins: Eine Seite des Ladens ziert ein gigantisch großer Spiegel. Dann sagt ihr der Verkäufer auch noch, sie habe einen kurzen Torso und im Vergleich dazu lange Beine. Stimmt das etwa? Schon wird der Impuls übermächtig, einen Blick in den Spiegel zu werfen. Nur einen kurzen, geht ganz schnell. „Schau weg, schau weg, schau weg.“ pocht es in ihrem Kopf. Kjerstin widersteht. Sie verlässt den Laden ohne Regelverletzung – aber mit Fahrrad.

Laut einer Studie schauen 72 Prozent der Deutschen mindestens vier Mal am Tag bewusst in den Spiegel. Macht 1460 Spiegel-Blicke pro Jahr. Plus die ganzen zufälligen, unbewussten. Eine britische Studie ergab, dass Frauen sogar zwei Jahre ihres Lebens damit verbringen vor dem Spiegel zu stehen. Und das oft mit negativen Gefühlen. Das zeigte kürzlich auch der Erfolg beziehungsweise Misserfolg eines Fernseh-Werbespots. Die Firma hatte im ersten Spot eine selbstsichere Frau gezeigt, die den bewundernden Blick eines Mannes auffängt. Die Konsumentinnen waren begeistert. Ein späterer Spot bewarb dasselbe Beauty-Produkt, zeigte aber eine Frau bei sich zuhause, die sich direkt im Spiegel anschaut. Der Spot floppte. Weil, so die Meinung der Werbepsychologen, der Blick in den Spiegel unterbewusst Selbstzweifel und Kritik signalisiert. Kjerstin merkt bald, dass sie mehr Zeit hat – ohne Spiegel. Sie nutzt sie mit Radfahren und Yoga. Zum Glück ist der Unterricht in einem Raum ohne Spiegel. Kerstin vermisst ihn nicht. Im Gegenteil. Sie konzentriert sich auf ihren Körper, auf die Atmung, auf ihre eigene Wahrnehmung ihrer selbst – und nicht auf die vermeintlich objektive Darstellung, die ihr ein Spiegelbild zuwirft. Sie merkt, wie ihr Selbstbewusstsein langsam wächst. Wie sie lernt, sich selbst zu spüren und anzunehmen.

Spiegel und Fitness-Studio – die Kombi gibt es zwar oft. Aber offenbar passt es eigentlich nicht allzu gut zusammen: Für eine kanadische Studie saßen 58 Frauen für 20 Minuten auf einem Heimtrainer. Die Hälfte davon vor einem Spiegel, die andere Hälfte ohne. Das erstaunliche Ergebnis: Die Gruppe mit Spiegel fühlte sich hinterher weit weniger entspannt und euphorisch, als die Gruppe ohne Spiegel. Außerdem war sie erschöpfter als die spiegellose Gruppe. In der Lehre des Feng Shui spielen Spiegel eine wichtige Rolle – im positiven wie im negativen Sinn. Sie sollten möglichst nicht im Schlafzimmer aufgehängt werden oder direkt gegenüber von (Eingangs-)Türen. Weil Spiegel Energien lenken, können sie Räume aber auch optisch vergrößern oder sie aufhellen. Man muss also einfach lernen damit richtig umzugehen.

Endlich ist der große Tag da

Mit der Zeit gewöhnt die Amerikanerin sich immer mehr an ihre neue Lebensweise. Das Schminken ist Routine. Irgendwann beschließt sie sogar: Montag ist Make-up freier Tag! Ein Gedanke, der ihr zunächst Angst macht. Bis sie feststellt: Es fällt fast niemandem auf, dass sie ungeschminkt zur Arbeit erscheint. Dann ist er endlich da, der Hochzeitstag: Ohne einen Blick in den Spiegel zu werfen, lässt Kjerstin sich beim Friseur die Haare machen. Es gibt Champagner für alle. Kjerstin hat sich selbst geschminkt. So, wie sie es die Wochen und Monate zuvor auch getan hat. „Gut genug ist gut genug“, sagt sie sich immer wieder. Niemand muss perfekt sein. Kjerstin legt die Perlenkette ihrer Großmutter um ihr Handgelenk und betrachtet ihre blau lackierten Zehennägel. Vor dem Altar flüstert der Bräutigam ihr zu: „Du siehst so schön aus!“
Dann, nach 365 Tagen, der erste Blick in den Spiegel. Wie ist das wohl? Kjerstin Gruys: „Als würde ich eine alte Freundin wiedersehen, die ich seit einem Jahr nicht gesehen hatte. Und das war ein wunderschönes Gefühl“.

Kjerstin Gruys: Ihre Top-10-Liste

Um sich selbst nicht auf ihrem Weg zu verlieren, überlegte sich die Autorin zehn Richtlinien oder Werte, an die sie sich halten wollte. Ein kleiner Reise-Helfer sozusagen. Überlege dir doch einmal: Wie könnte deine Top-10-Liste aussehen? Was würdest du dir selbst raten?:

  1. Hinterfrage deine Vermutung, indem du genau das tust, wovor du Angst hast.
  2. Gut genug ist gut genug.
  3. Dein Körper ist perfekt, nur dein Verstand ist verbesserungsfähig.
  4. Konzentriere dich auf eine gesunde Lebensweise, nicht auf Zahlen auf der Waage.
  5. Verhalte dich mit dem Selbstbewusstsein, das du als Dreijährige hattest.
  6. Sei ein Vorbild!
  7. Bis es tatsächlich so weit ist – tu so als ob!
  8. Bitte um Hilfe und akzeptiere sie, wenn sie dir angeboten wird.
  9. Der gesunde Menschenverstand hat Vorrang.
  10. Auch in Misserfolg liegt Schönheit. Lasse los!