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Shinrin Yoku: Mit der ganzen Seele in die Natur eintauchen

Beim Waldbaden kann die Seele tief in die Natur eintauchen und dort die Ruhe finden
Beim Waldbaden kann die Seele tief in die Natur eintauchen und dort die Ruhe finden

Wenn den Japanern der alltägliche Stress auf die Seele drückt, dann gehen sie baden. Nicht am Strand, nicht in heißen Quellen, nicht in einem Schwimmbad. Sie nehmen ihr Bad im Wald. Shinrin Yoku heißt das im Japanischen und obwohl es in der japanischen Kultur seit jeher eine tiefe, spirituelle Verbundenheit zur Natur gab, ist damit in erster Linie ein Versuch gemeint, einen Ausgleich zu finden. Beim Waldbaden kann die Seele tief in die Natur eintauchen und dort die Ruhe finden, die ihr im Alltag leider allzu häufig fehlt.

In diesem Artikel:

Die Kunst des langsamen Naturerlebnisses
Entspannung für Körper und Seele
Waldbaden geht überall
Zwischen Abenteuer und Achtsamkeit
Wenn es für das ausgedehnte Waldbad nicht reicht

Ein Gefühl, dass dir möglicherweise auch nicht fremd ist – wie so vielen Menschen, weswegen das Waldbaden mittlerweile weit über Japans Inseln hinaus bekannt und beliebt ist. In vielen Regionen Deutschlands hat es seinen Einzug gefunden in die touristischen Angebote: Wo du die Natur noch in ihrer ganzen Schönheit erfahren kannst, wirst du mit Sicherheit auch eine Gelegenheit zu einem erholsamen Waldbad finden.

Die Kunst des langsamen Naturerlebnisses

Was genau der Einzelne darunter versteht, kann aber sehr verschieden sein. Eine einheitliche, endgültige Definition von Waldbaden gibt es nicht, die Ausgestaltung ist daher eine Interpretationsfrage. Selbst in der Heimat des Shinrin Yoku wird die „Waldtherapie“ in unterschiedlichsten Formen angeboten, von Yoga und Meditationen im Wald über das einfache Entspannen in einer Hängematte zwischen den Bäumen bis hin zu Musikkonzerten oder Aromaworkshops – das Tätigkeitsfeld ist offenbar sehr weit geworden.

So weit, dass es zum einen eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser achtsamkeitsbasierten Wald- oder Naturtherapie gibt, um die positiven Auswirkungen genauer bestimmen zu können. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München befasst man sich zum Beispiel an der Medizinischen Fakultät mit dem Phänomen Waldtherapie. Zum anderen – und dazu tragen wissenschaftliche Untersuchungen ebenso bei wie Kur- und Heilwälder – soll das Waldbaden auf richtigen medizinischen Boden gestellt werden, inklusive einer dazugehörigen Ausbildung zum Waldtherapeuten und entsprechenden Gesundheitsangeboten beim Arzt.

© AVTG via Fotolia

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Das Grundkonzept ist dabei jedoch sehr viel einfacher zu fassen: Es geht hauptsächlich um eine bewusste Interaktion zwischen dir und der Natur, die einhergeht mit einer bewussten Abwendung vom Stress. Du sollst zuallererst in der Natur sein. Nicht aktiv in der Natur sein, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es bei Outdoor-Sportarten praktiziert wird und bei denen die Umgebung ganz schnell als Kulisse in den Hintergrund rückt.

Achtsamkeit statt Aktivität heißt es stattdessen beim Baden im Wald, erlaubt oder besser: gefordert ist trotzdem alles, was dich in einen achtsamen Zustand versetzen kann. Keine leichte Aufgabe, schließlich sind wir es aus dem Alltag gewohnt, möglichst viele Dinge in möglichst kurzer Zeit zu erledigen – die Konzentration zu fokussieren, sich und seine Gedanken vollständig auf eine einzige Sache zu richten, das fällt vielen Menschen zunehmend schwer.

Deswegen sind Angebote zum Waldbaden üblicherweise begleitet, von einem Waldbademeister oder einer Waldbademeisterin, wenn du so willst. Er oder sie gibt dir Anleitung und Impulse, um die reinigende und beruhigende Wirkung des Waldes auch wirklich auszuschöpfen. So setzt du wirklich alle Sinne ein, um die Natur, die dich umgibt, auf jede nur denkbare Weise zu erfahren, zu erfühlen, zu riechen, zu schmecken, zu hören und zu sehen.

Entspannung für Körper und Seele

Die betrifft aber eben nicht nur deine Seele, die inmitten des Grüns endlich einmal wieder von den alltäglichen Zwängen befreit ist und tief durchatmen kann. Dein Körper tut das nämlich in gleicher Weise, er kommt genauso zur Ruhe: Der Puls wird langsamer, der Blutdruck sinkt. Der Körper schüttet weniger vom Stresshormon Cortisol aus und das vegetative Nervensystem ist nicht mehr damit beschäftigt, den Körper in einem andauernden Zustand der Leistungsbereitschaft zu erhalten, sondern kann sich ganz auf seine sonstigen Aufgaben – Stoffwechsel und Verdauung beispielsweise – konzentrieren.

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Wichtiger als die medizinische Wirkung des Aufenthalts in der Natur, die nebenbei auch dazu beiträgt, das Immunsystem zu stärken, ist und bleibt jedoch die Ruhe, die aus dem Wald in dich strömt. Die sinnliche Erfahrung reicht eben weiter als bis zu den Sinnesorganen.

Waldbaden geht überall

Um einen solch ausgeglichenen Zustand zu erreichen, brauchst du unter Umständen gar keine lange Auszeit im Grünen. Schon kurze Momente, in denen du mit der Natur wirklich verbunden bist, können dir dabei helfen. Zeit und Ort sind dabei gar nicht so erheblich: Für einen Waldbad-Moment kannst du zum Beispiel deine Mittagspause nutzen und es ist nicht zwingend erforderlich, einen weiten Weg raus in die Natur zu machen – Waldbaden ist sogar in einer Großstadt wie Berlin möglich, selbst wenn der Düppeler Forst für viele Berliner bereits in den Bereich JWD („janz weit draußen“) fällt.

Grundsätzlich kannst du also überall für ein kurzes oder längeres Bad in die Natur eintauchen, auch wenn die exotischen Landschaften entfernter Orte selbstverständlich zu längeren Reisen verlocken und dich dein Sternzeichen in die Ferne zieht. Kaum weniger spektakuläre Naturerlebnisse warten aber eben genauso in der Nähe. Vielleicht nicht gleich vor deiner Haustür, aber in deutlich geringerer Reichweite.

Die Naturschätze, die über ganz Deutschland verstreut liegen, von den Kreidefelsen auf Rügen im Norden bis zum Naturpark Bayerischer Wald im Süden, von den monumentalen Externsteinen des Teutoburger Waldes im Westen bis zu den schroffen Sandsteinformationen der Sächsischen Schweiz im Osten, laden zu Momenten voller Naturverbundenheit ein.
Für weitere solche grandiosen Natureindrücke musst du nicht einmal den Kontinent verlassen, die europäischen Länder haben schließlich von kolossalen Bergkulissen bis zu nahezu unberührten Urwäldern alles zu bieten, was das Herz eines Naturfreundes höher schlagen lässt.

Zwischen Abenteuer und Achtsamkeit

Am intensivsten und unmittelbarsten lässt sich diese Erfahrung machen, wenn bei den Ausflügen in die Natur möglichst wenige Erinnerungen an die Alltagshektik im Weg stehen. Urlaube und Reisen sollen dich schließlich davon frei machen, von den alltäglichen Zwängen und Routinen. Beim Camping gibt es solche Einschränkungen (fast) nicht, es steht schon für sich genommen für die Freiheit, die ansonsten fehlt.

Du kannst dich treiben lassen, wohin es dich gerade zieht. Du bleibst, wo es dir gerade gefällt. Zumindest fast. So faszinierend der Gedanke an das wilde Campen ist, so sehr damit deine Sehnsucht nach Freiheit und dem Eins sein mit der Natur erfüllt wird, es gibt trotzdem einige Regeln für dieses ursprüngliche Leben im Grünen – eine Frage der Achtsamkeit, in diesem Fall gegenüber der Natur. Die willst du schließlich erleben und nicht stören. Damit bleibt dir immer noch ausreichend Spielraum für Entdeckungen fernab des üblichen Trubels.

Wenn es für das ausgedehnte Waldbad nicht reicht

Der kommt schließlich schneller zurück, als es dir lieb sein kann, und dir nicht immer die Zeit, dich einem ausgedehnten Waldbad hinzugeben – ganz abgesehen davon, dass du dazu vielleicht auch nicht bei jeder Wetterlage wirklich Lust verspürst. Auf die beruhigende Wirkung der Natur solltest du trotzdem nicht verzichten und musst es auch nicht.

Bei einem Waldspaziergang erfährst du dieselben positiven Einflüsse, wie bei einem Bad im Wald. Wenn du deinen Weg ganz bewusst beschreitest und die Umgebung auf dich einwirken lässt, kommt das dem Erlebnis eines Waldbades schon recht nah. Sogar im „Vorbeigehen“ kannst du dich schließlich auf die verschiedenen Sinneseindrücke einlassen, die dich bei so einem Spaziergang erwarten – wichtig ist nur, dass du nicht an ihnen vorübergehst, sondern sie tatsächlich mitnimmst.

© Galyna Andrushko via Fotolia

Wenn es die Umstände aber zulassen, solltest du dazu Halt machen. Schon allein deshalb, weil du sehr schnell feststellen wirst, wie laut und wie störend selbst deine eigenen Schritte für die Ruhe um dich herum sein können. Wann immer sich dir die Möglichkeit bietet, um innezuhalten und deine ganze Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, dass dich in diesem Moment umgibt, um es mit allen Sinnen zu erfahren – nutze sie.

Denn darauf kommt es beim Waldbaden letztendlich an: auf die Entschleunigung, die uns die Natur lehren kann, auf die bewusste Rückkehr zu der Langsamkeit, für die in unserem Alltag keine Zeit mehr ist. Hier draußen, in der Natur, ist sie aber der Maßstab für jedes tiefere Empfinden und die beste Möglichkeit, deiner Seele eine Verschnaufpause zu gönnen.