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Leben ohne Zucker: Das Experiment

Zucker muss nicht sein - Teste einen Entzug und entdecke mit deinen  Geschmacks- und Geruchsnerven die Welt um dich herum neu
Zucker muss nicht sein - Teste einen Entzug und entdecke mit deinen Geschmacks- und Geruchsnerven die Welt um dich herum neu
© Mariana Medvedeva via Unsplash

Zucker ist überall. In fast allem was wir essen – egal ob süß, salzig oder herzhaft. Viele Lebensmittel enthalten von Natur aus Zucker, doch oft wird er zusätzlich noch extra beigemischt. Eigentlich unnötig, manchmal gefährlich und fast immer bedauerlich. Denn unsere Geschmacksnerven werden süchtig nach dem weißen Stoff. Sie stumpfen ab und nehmen vieles andere nicht mehr wahr. Herrliche Kräuter werden so zu langweiligem Grünzeug. Aber funktioniert ein Leben ohne Zucker überhaupt? Können wir der Zucker-Falle entkommen? Die Amerikanerin Eve O. Schaub hat es ein Jahr lang ausprobiert und Herzstück davon erzählt …

In diesem Artikel:

Guter, böser Zucker
Ein Leben ohne Zucker: Eve O. Schaub teilt ihre Erfahrungen
Die fiese Zucker-Sucht
Natürliche Helfer
Kleiner Test: Esse ich zu viel Zucker?
Das Experiment ‚Leben ohne Zucker‘
Ein Tag ohne Zucker‘

Es prickelt und kitzelt leicht auf der Zunge. Langsam zergehen die weißen Körnchen im Mund. Schwere Süße breitet sich aus. Die Zungenspitze leckt die letzten Restchen von den Lippen. Dann ist er vorbei, der kurze, aber sinnliche Genuss. „Wenn ein Löffelchen voll Zucker bittere Medizin versüßt, rutscht sie gleich noch mal so gut“, sang das Kindermädchen Mary Poppins schon vor Jahren im Film.

Guter böser Zucker

Zucker ist lecker, Zucker schmeckt gut. Das wissen schon die kleinsten Kinder. Am schönsten ist es, wenn er auch noch in bunte Farben gehüllt daherkommt: Rote Lutscher, blaue Bonbons, grüne Gummibärchen oder zartbraune Schokolade. Zucker liefert dem Gehirn und dem Körper wichtige Energie, ohne die wir gar nicht funktionieren würden. Vor Tausenden von Jahren signalisierte „süß“ den Menschen: Das ist essbar. An diesen Grundsatz haben wir uns im Laufe der Jahre gehalten – und an immer mehr Zucker gewöhnt.

Früher war Zucker ein Luxusgut. Das „weiße Gold“ konnten sich nur Reiche leisten und deshalb war es natürlich begehrt. Heute ist Zucker immer und überall verfügbar. Jedes Jahr verbrauchen wir im Durchschnitt 35 Kilogramm – meistens nicht in Form von Süßigkeiten, sondern versteckt in Nahrungsmitteln wo wir ihn gar nicht vermuten. Denn Zucker wird benutzt, um Lebensmittel haltbarer zu machen. Oder um ihnen eine „schönere“ Farbe zu geben. Die moderne Lebensmittel-Industrie liebt Zucker geradezu. Und genau da liegt die Gefahr – denn zu viel Zucker schadet unserem Körper auf vielerlei Weise: Er kann Karies verursachen, Übergewicht oder Diabetes. Auch viele Krebszellen lieben ihn. Nehmen wir zu viel zu uns, kommt das Organ, das die sogenannte Fructose verarbeitet, nicht mehr hinterher – und eine gefährliche Verfettung der Leber droht. Fest steht: Zu viel Zucker tut keinem gut. Und weniger davon wäre für uns alle eine Wohltat. Sollte man also ein Leben ohne Zucker anstreben?

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Ein Leben ohne Zucker: Eve O. Schaub teilt ihre Erfahrungen

Die amerikanische Journalistin Eve O. Schaub wollte es wissen: Schaffe ich es mit meinem Mann und unseren Töchtern Greta und Ilsa ein Jahr lang ohne Zucker zu leben? Das Experiment begann – und sie stellte schnell fest: „Künstlich zugesetzter Zucker taucht an den seltsamsten Orten auf: Salat-Dressing, Hühnerbrühe, Erdnussbutter, Tomatensoße, Tortellini, Würstchen, Speck, Räucherlachs, Mayonnaise oder Babynahrung. Außerdem zählten wir 56 verschiedene Wörter, hinter denen sich Zucker versteckt.“ Darunter zum Beispiel Maltose, Aspartam, Malzextrakt, Dextrin, Maisstärkesirup oder Saccharose. Wer Zutatenlisten und Nährwerttabellen auf Verpackungen studiert, erkennt: Zucker versteckt sich oft in Fertig-Gerichten, Brotaufstrichen, Saft, Müsli-Riegeln, Wurst, Fertigsalaten, Gemüse aus dem Glas oder sogar Brot. Je weiter vorne Zucker oder eine seiner Formen aufgelistet ist, desto mehr ist drin.

„Natürlich ist es oft nur eine geringe Prozentzahl pro Portion, aber wenn Zucker in fast allem ist, was wir essen, dann addieren sich diese kleinen Prozentzahlen schnell. Und plötzlich haben wir, ohne es zu merken einen riesige Menge Zucker gegessen – bevor es überhaupt Dessert gab“, findet Eve O. Schaub. Über ihre Erfahrungen hat sie erst einen Blog und dann ein Buch geschrieben: „Year of no Sugar“ (Sourcebooks, 12 €, nur auf Englisch). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Tagesmenge von circa 25 bis 30 Gramm Zucker für Erwachsene. Klingt nach relativ viel auf den ersten Blick. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass man diese Grenze mit 20 Gummibärchen schon erreicht hat.

Eigentlich besteht gar kein Grund, Lebensmittel mit künstlich zugeführtem Zucker zu uns zu nehmen. Die Natur versorgt uns nämlich mit jeglicher Süße, die wir brauchen. Durch Obst, zum Beispiel. Zusammen mit Faser- und Ballaststoffen kann der Körper den Zucker besser verarbeiten und verwerten. Doch leider haben wir unseren Geschmacksnerven geradezu abtrainiert, die feine Süße natürlicher Nahrungsmittel überhaupt zu schmecken. Wir sind abgestumpft von Schokolade, Limo & Co. – und vor allem von den gesüßten Fertig-Mahlzeiten. Dabei kann eigentlich sogar Gemüse süß schmecken, Karotten oder Tomaten, zum Beispiel. Leider ist unser Radar meist so auf künstlichen Zucker geeicht, dass wir das gar nicht mehr merken. Erst wenn wir mal für längere Zeit auf Zucker verzichten, sozusagen einen Zucker-Entzug machen, dann erst können wir wieder erfahren, wie natürliche Aromen schmecken – und übrigens auch duften. Das ist dann ein tolles Erlebnis, wenn unsere Geschmacks- und Geruchsnerven die Welt um uns herum neu entdecken. Wie intensiv so ein Apfel plötzlich riecht, wie süß so eine Karotte ist, wenn wir sie mit Bedacht und Genuss kauen.

Die fiese Zucker-Sucht

Auch Eve O. Schaub sagt, dass sie nie das Gefühl hatte, auf süße Leckereien verzichten zu müssen: „Sie nehmen reife Bananen, schneiden sie in Scheiben und stecken diese für 60 bis 90 Minuten ins Tiefkühlfach. Danach in den Mixer geben und – voilà: Das leckerste Bananen-Softeis aller Zeiten.“ Ihre Töchter haben es geliebt – ohne künstliche Zucker-Zusätze. Die Journalistin fing an, viel öfter selbst zu kochen und auch neue, andere Lebensmittel auszuprobieren. Auch ihre Mädchen hatten Spaß in der Küche. Das Experiment brachte die Familie enger zusammen. Vielleicht, weil es einen gemeinsamen „Feind“ gab: Zucker. Wie Zigaretten kann Zucker richtig süchtig machen. Der Körper will immer mehr und alles andere schmeckt plötzlich fad und langweilig. Hand aufs Herz: Wer kann nach einem kleinen Stückchen Schokolade schon aufhören? Nur noch eins und noch eins – schon ist die halbe (oder ganze) Tafel weg. Auf Salat hat danach wohl keiner mehr richtig Lust.


Natürliche Helfer

Wer das Experiment selbst wagen möchte, findet Helfer in der Natur: Bitterstoffe – sie dämpfen den Hunger auf Süßes. Schritt für Schritt können wir uns so entwöhnen. Und schon nach kurzer Zeit wird das Verlangen danach weniger.
Rosenkohl, Chicoree, Rucola oder Grapefruit: Alle beinhalten Bitterstoffe und diese Substanzen sind wahre Wundermittel: Sie sind super für die Verdauung, auch Leber und Bauchspeicheldrüse werden durch sie angeregt. Außerdem regeln sie den Säure-Basen-Haushalt im Körper, machen uns schneller satt und dämpfen den Hunger auf süße Naschereien. Nur: Leider essen wir meist viel zu wenig davon. Ihr Geschmack ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Und: Aus vielen Sorten wurden Bitterstoffe extra herausgezüchtet, um sie schmackhafter zu machen. Aber: Es gibt sie noch, zum Beispiel auch in Basilikum, Löwenzahn, Salbei, Ingwer, Artischocken, Schafgarbe oder Endiviensalat.

„Viele unserer Freunde haben erwartet, dass wir nach unserem Jahresprojekt „Leben ohne Zucker“ losrennen und ein Schoko-Eisbecher-Gelage veranstalten“, erzählt Eve O. Schaub. „Tatsächlich aber schmecken uns diese extrem süßen Nachspeisen gar nicht mehr so sehr. Stattdessen gönnen wir uns lieber etwas Leichteres, wie ein Frucht-Sorbet.“ Nach einem Jahr Experiment fühlte sich Familie Schaub gesünder und fitter. Ilsa und Greta hatten weniger Krankheits-Fehltage in der Schule als jemals zuvor. Eve sagt, sie wurde eine viel bessere Köchin. Alle beschäftigten sich mehr damit, wo Lebensmittel eigentlich herkommen und was da alles so drinsteckt. Trotz allem hält sich die Familie heute nicht mehr so strikt an den Plan. Das ist auch nicht nötig, findet die Amerikanerin. Wenn wir jeden Tag nur ein bisschen achtsamer mit dem umgehen, was wir zu uns nehmen – ohne dabei zu streng zu uns zu sein, dann ist schon eine Menge gewonnen. Für unsere Gesundheit – und unser allgemeines Wohlgefühl.


Kleiner Test: Esse ich zu viel Zucker?

Dies soll keine Prüfung und keine Belehrung sein. Nur eine kleine Hilfe zur Selbstbeobachtung. Lies dir die Fragen durch. Wenn du mehr als drei mit „Ja” beantwortest würdest, könnte es gut sein, dass du zu viel Zucker zu dir nimmst.

Isst du zum Frühstück oft Marmelade, Honig oder Nutella?
Gehört für dich zu einer Mahlzeit ein Dessert dazu?
War es dir bisher gleichgültig, was in den Inhaltsstoffen der Lebensmittel-Packungen steht?
Naschst du oft?
Trinkst du täglich Fruchtsäfte oder Soft-Drinks (Cola, Fanta & Co.)?
Greifst du bei Stress, Ärger oder Frust zu Essen?
Bist du schon mal nachts an den Kühl- oder Vorratsschrank gegangen?
Isst du viele Fertiggerichte?
Greifst du bei Obst und Gemüse oft zu Glas oder Konserve statt zu Frischem?


Das Experiment ‚Leben ohne Zucker‘: Redakteurin Julia ohne Zucker

Beschäftigt man sich erst einmal mit dem spannenden Thema „Leben ohne Zucker”, fragt man sich automatisch: Könnte ich das auch? Wie würde ich das machen? Also habe ich es einige Tage lang ausprobiert. Obst und Kohlenhydrate waren erlaubt – obwohl das genau genommen ja auch Zucker ist, aber eben auf natürliche Art. Interessant war’s auf jeden Fall. Versuch es doch auch einmal …

„Leben ohne Zucker – kein Problem”, dachte ich anfangs. Dann eben ohne Süßkram. Doch gefährlich wird es tatsächlich bei Lebensmitteln, die auf den ersten Blick nicht süß sind. Solange man Zeit hat, sein Essen selbst zu machen, geht das auch noch. Aber in der Büro-Kantine sieht das plötzlich ganz anders aus. Erstens will man nicht ständig nerven und nachfragen. Zweitens wissen die Mitarbeiter oder Restaurant-Kellner auch oft nicht, ob das Essen irgendwo Zucker enthält. In diesem Fall ist ja „künstlich zugesetzter Zucker” gemeint. Sicher bekommt man viele zuckerfreie Alternativen, aber man muss danach suchen. Das kostet ein wenig Mühe – und Zeit. Als ich aber zum Beispiel beim Bäcker nachfragte, gab er mir eine genaue Zutaten-Liste. Das hat mich wiederum positiv überrascht.

Einen Beispiel-Tag habe ich unten für dich einmal zusammengefasst. Du wirst sehen: Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Wie Essig-Öl-Dressing für den Salat statt Fertig-Dressing aus dem Supermarkt. Fest steht: Ich werde auch in Zukunft mehr auf den Zuckergehalt in Lebensmitteln achten und nach Alternativen suchen. Das ist ja die Hauptsache, finde ich. Ab und zu ein Stück Kuchen (oder zwei) lasse ich mir nicht nehmen …

Ein Tag ohne Zucker:

Frühstück:
Mit Zucker: Abgepacktes Brot mit Butter und Nuss-Nougat-Creme
Ohne Zucker: Bio-Brot vom Bäcker mit Butter

Zwischendurch:
Mit Zucker: Kaffee mit Milch und Zucker
Ohne Zucker: Kaffee nur mit Milch (für mich gewöhnungsbedürftig)

Mittagessen:
Mit Zucker: Tiefkühlpizza mit Salami und Schinken
Ohne Zucker: Selbstgemachte Pizza

Trinken:
Mit Zucker: Saft
Ohne Zucker: Wasser mit Zitronenscheiben (schmeckte tatsächlich sehr lecker)

Snack:
Mit Zucker: Schokoriegel, Bonbons oder Lutscher
Ohne (künstlichen) Zucker: Obst

Abendessen:
Mit Zucker: Salat mit Fertig-Dressing
Ohne Zucker: Salat mit selbstgemachtem Essig-Öl-Dressing und Kräutern