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Für immer loslassen – Gedanken an den Tod, die das Leben leichter machen

© Kent Pilcher via Unsplash

Vielleicht fragst Du dich jetzt gerade: An den Tod denken – und sich dabei gut fühlen? Wie soll das denn gehen? Ist das nicht ein Widerspruch? Nun, es liegt sicher nicht auf der Hand. Aber es ist möglich. Denn es gibt da einen Zusammenhang. Unsere ewige Hetze und unser Gedanken-Karussell verklingen, wenn wir uns bewusst machen, dass unser Leben endlich ist. Diese Gewissheit für einen Moment zu spüren, kann uns in einen magischen Schwebe-Zustand versetzen. Und uns eine Klarheit geben, die uns vielleicht aufrüttelt: Es ist dein Leben – es währt nicht ewig – lebe es so, wie du leben willst …

Stellen wir uns doch einmal vor, wir würden einem Außerirdischen erklären, wie unser Leben funktioniert. Wir würden ihm also sagen, dass es ganz wichtig ist, einen Beruf zu ergreifen, Geld zu verdienen und Dinge zu kaufen. Zeit, so würden wir erklären, haben wir Menschen eigentlich nie. Denn wir haben immer schrecklich viel zu tun: Die Kinder sollen was Ordentliches lernen, der Bausparvertrag muss abgeschlossen werden und jetzt bloß noch schnell ins Fitness-Studio. „Und wozu das Ganze?”, würde der Außerirdische dann vielleicht fragen. „Winkt Euch Menschen ein besonderer Gewinn, wenn Ihr all den Stress erfolgreich bestanden habt und Euer Leben am erfolgreichsten vollgestopft habt, mit Karriere, Terminen und Burnout?” „Nein, eigentlich nicht”, müssten wir dann wohl antworten. „Am Ende, da sterben wir. Alle. Die Reichen genauso wie die Armen und die Erfolgreichen genauso wie die, die einfach in den Tag hinein gelebt haben …” Er würde wohl vermutlich verständnislos seinen Kopf schütteln, der Außerirdische …

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„Wir sehen uns wieder in Nangijala”

Ein kleiner Auszug aus dem wunderschönen Kinderbuch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren handelt vom Tod und dem Leben danach: „Weißt du, dass ich bald sterben muss?”, fragte ich und weinte. Jonathan dachte eine Weile nach. Er antwortete mir wohl nicht gern, doch schließlich sagte er: „Ja, das weiß ich.” Da weinte ich noch mehr. „Wie kann es nur so etwas Schreckliches geben?”, fragte ich. „Wie kann es nur so etwas Schreckliches geben, dass manche sterben müssen, wenn sie noch nicht mal zehn Jahre alt sind?” „Weißt du, Krümel, ich glaube nicht, dass es so schrecklich ist”, sagte Jonathan. „Ich glaube, es wird herrlich für dich.” „Herrlich?”, sagte ich. „Tot in der Erde liegen, das soll herrlich sein?!” „Aber geh”, sagte Jonathan. „Was da liegt, das ist doch nur so etwas wie eine Schale von dir. Du selbst fliegst ganz woanders hin.” „Wohin denn?”, fragte ich, denn ich konnte ihm nicht recht glauben. „Nach Nangijala”, antwortete er. Nach Nangijala – das sagte er so einfach, als wüsste das jeder Mensch. Aber ich hatte noch nie etwas davon gehört. „Nach Nangijala”, sagte ich, „wo liegt denn das?” Da sagte Jonathan, das wisse er auch nicht so genau. Es liege irgendwo hinter den Sternen. Und er fing an, von Nangijala zu erzählen, so dass man fast Lust bekam, auf der Stelle hinzufliegen.

Lebe im Hier und Jetzt!

Denn es ist ja wahr: Wir rennen und hetzen durchs Leben, als wüssten wir nicht, dass es endlich ist. Klar, jeden Tag nur daran zu denken, dass es eines Tages vorbei sein wird und deshalb keinen Baum zu pflanzen und kein Haus zu bauen – das kann es auch nicht sein. Aber sich bewusst zu machen, dass Besitz und Macht nichts ist, was am Ende ein gelungenes Leben ausmacht, das sind Gedanken, die unser Leben im Hier und Jetzt reicher machen können. Intensiv zu leben, wirklich zu leben – was bedeutet das eigentlich? Welche Erfahrungen möchte ich machen – auf welches gelebte Leben möchte ich einmal zurückblicken? Welche Termine und Aufgaben kann ich mit mehr Gelassenheit angehen – auch wenn sie im Augenblick so furchtbar wichtig erscheinen…?

Was ist meine Aufgabe?

Der Gedanke an den Tod nicht als Schrecknis zu sehen – sondern als Quelle der Inspiration. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Erlebnisse von Menschen, die einen kleinen Einblick in dieses „Danach” bekommen haben – durch Nahtod-Erfahrungen. Etwa vier Prozent der Deutschen haben es schon einmal erlebt. Durch Unfälle oder Krankheiten wären sie fast gestorben, waren klinisch tot und kamen dann doch zurück ins Leben. Was sie berichten klingt zunächst ein wenig unheimlich, ein bisschen unglaublich – kann uns aber, wenn wir es zulassen, mit einem Gefühl tiefen Glücks und Seelen-Friedens erfüllen. Viele schweben über ihrem Körper und sehen sich von außerhalb. Manche haben das Gefühl, aufzusteigen oder fühlen sich leicht und schwerelos. Das Leben zieht in Bildern an ihnen vorbei. Es gibt Erzählungen von Engel-Begegnungen oder Tunneln.

Die Mehrheit der Berichte hat eines gemeinsam: Die Nahtod-Erfahrung hat den Menschen keine Angst gemacht. Im Gegenteil: Sorgen verschwinden, Schmerzen lassen nach, sie sind erfüllt von Harmonie. Und viele sind der Überzeugung deshalb zurückgekommen zu sein, weil sie noch etwas zu erledigen haben in unserer Welt.

Auch die 33-jährige Yvonne Lamberty hatte so eine Nahtod-Erfahrung. Als Kind fiel sie in einen Pool, sie konnte noch nicht schwimmen, wäre beinahe ertrunken. Was sie damals gesehen hat, erfüllt noch heute ihr Herz. Sie nutzt es als Inspirationsquelle für ihre wunderbaren Kunstwerke, ihre „Yandalas“.

Künstlerportrait: Yvonne Lamberty – „Mit meiner Kunst vermittle ich zwischen den Welten“

Erinnern kann ich mich noch genau, wie ich immer tiefer gesunken bin. Luftblasen stiegen über mir auf. Ich konnte nicht atmen, bekam Panik und dachte: Das war’s, jetzt sterbe ich”, beginnt die 33-Jährige ihre Erzählung. Doch in diesem Moment passierte etwas Wundersames. „Plötzlich hat sich alles von mir gelöst. Ich hatte keine Angst mehr. Ich war total friedlich und hab mich sehr wohl gefühlt. Von schräg unten kam ein großes Licht auf mich zu. Wie ein kreisrundes Tor. Ich wollte so gerne näher zu dem Licht, weil es alles symbolisiert hat, was man nur an Freude empfinden kann. Und noch mehr. Ich fühlte mich, als ob ich nach Hause komme. Dann zog mein Bruder mich hoch.”

Yvonne überlebt dank ihrem Bruder, doch das Erlebnis hat sie geprägt. Schon früh stellt sich das Mädchen Fragen wie: „Wo komme ich her?” Oder: „Was ist meine Aufgabe im Leben?” Heute ist sie überzeugt davon, dass alles im Leben seinen Sinn hat und uns vieles vorherbestimmt ist. Irgendwann beginnt Yvonne, Mandalas zu malen. Ohne sich genau darüber im Klaren zu sein, was sie da zeichnet. Erst sind es Kritzeleien, später richtige Kunstwerke. Bunt und schön, die Seele berührend. Als ob sie aus der Mitte heraus ein weißes Licht direkt in unser Herz aussenden. Sie nennt sie „Yandala” – eine Mischung aus „Mandala” und dem Anfangs- und Endbuchstaben ihres Namens. „Mit meiner Kunst vermittle ich zwischen den Welten”, sagt die Malerin. „Meine Bilder sollen die Menschen daran erinnern wo sie herkommen. Jedes Gemälde ist einzigartig wie eine Schneeflocke – und wie wir Menschen. Es ist eine Leichtigkeit und Freude, wenn wir uns wieder mit uns selbst verbinden und dabei sollen meine Bilder helfen.”

Das Malen ist für sie wie Meditation. Ein Versinken in den Urzustand des Seins. Ihr Nahtod-Erlebnis war für sie darum keine furchtbare Erfahrung, sondern eine wunderschöne, an die sie sich gerne erinnert. Auch mit Hilfe ihrer Mandalas. Und noch etwas hat Yvonne Lamberty aus ihrem Nahtod-Erlebnis gelernt: „Die Seele weiß einfach ganz viel. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir unsere Intuition wieder spüren. Der Verstand ist begrenzt, aber unsere Intuition kann Dinge spüren und erahnen, die aus einer universellen Energie sind. Manchmal weiß man dann Dinge einfach, auch wenn einem nicht klar ist, woher. Weil die Seele sich erinnert. Wenn wir nur mit dem Verstand leben, dann nehmen wir unserer Seele die Chance sich zu erinnern. Wenn wir ein offenes Herz haben, dann können wir wunderbare Dinge erleben.”

Für die Wissenschaft ist es schwierig diese Vorstellungen oder Nahtod-Erfahrungen einzuordnen. Ein Bewusstsein oder eine Seele, die ohne Körper existieren kann? Nahtod-Erfahrungen sind auf Sauerstoffmangel zurückzuführen und lediglich Halluzinationen, sagen Experten. Ohne Hirn- und Herzfunktion kann das Bewusstsein nicht weiter existieren. Wie soll der Mensch etwas wahrnehmen, wenn er eigentlich tot ist? Eine Studie an Tieren ergab: Nach dem Herzstillstand steigt die Hirnaktivität für kurze Zeit extrem an, Botenstoffe schießen wie verrückt durch die Bahnen – eine Erklärung für das Licht und die Visionen? Störungen der Hirnfunktion seien verantwortlich für die Glücksgefühle und Außerkörperlichkeit, sagen Wissenschaftler.

Sein und Haben

Und dennoch: Menschen, die uns an ihren Nahtod-Erlebnissen teilhaben lassen, können uns interessante Hinweise geben. Anstöße, über Sinn des Seins und Unsinn des Habens nachzudenken, zum Beispiel. Denn viele Menschen, die Nahtod-Erlebnisse hatten, verändern ihr Leben, folgen einem Herzenswunsch, setzen Pläne endlich in die Tat um oder lösen Ungeklärtes auf. Sie wenden sich der Natur zu oder der Religion. Sie lassen Altes los und beginnen etwas Neues. Ihr Mitgefühl und ihr Gerechtigkeitssinn steigen. Die innere Stimme, die diesen Menschen plötzlich viel vertrauter ist, kann jeder hören. Sie fordert uns auf, einen neuen Schritt zu wagen und zu lernen, unserer Intuition zu vertrauen. „Wir gewinnen neue Lebenslust, wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen“, sagt der Sterbeforscher Bernard Jakoby. Nahtod-Erfahrungen und auch, dass unser Leben in irgendeiner Form nach dem Tod weitergeht, sind für ihn Realität und Tatsache. Aus seinen Worten spricht große Zuversicht. Er ist ein Mut-Macher. Was genau wir davon glauben? Das bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Doch eines ist gewiss: Je mehr wir wagen, das Leben zu feiern, desto leichter wird es uns irgendwann fallen, loszulassen…