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Müll ist out – Reparieren ist der neue Trend

Hier wird zusammen repariert, gelacht und gebastelt
Hier wird zusammen repariert, gelacht und gebastelt
© dana-vollenweider via Unsplash

Die Belohnung für unsere Mühe: Die hübschen Sachen funktionieren wieder und wir fühlen uns gut. Denn etwas mit den eigenen Händen zu reparieren, schenkt uns Zufriedenheit und Selbstbewusstsein

In diesem Artikel:

Oase für Bastelfreunde
Eine Idee geht um die Welt
Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft
Geht heute alles schneller kaputt?
Tipps und Links – Hier wird repariert

Keine Lust mehr auf Konsum-Gesellschaft? Die Nase voll vom ewigen „mehr, mehr, mehr”? Dann könnte das ein erster Schritt sein: Den Lieblingspulli stopfen statt entsorgen. Den alten Wecker von Oma noch mal zum Laufen bringen. Kurz gesagt: Reparieren statt wegwerfen. Wenn man aber nicht weiß, wie das geht? Kein Problem! In sogenannten „Repair Cafés” kann man sich’s zeigen lassen. Und es lohnt sich. Denn damit schonen wir nicht nur Umwelt und Geldbeutel, sondern wir tun auch uns selbst etwas Gutes: Es macht nämlich glücklich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen …

Es ist noch gar nicht so lange her, da war es ganz selbstverständlich, dass schöne Dinge über viele Jahre hinweg verwendet wurden. Waren sie kaputt, hat man sie repariert. Heute wissen wir oft gar nicht mehr, wie wir etwas reparieren können oder wo die nächste Werkstatt ist. So entsteht der Teufelskreis aus Wegwerfen und Konsum … Es geht aber auch anders. Denn an immer mehr Orten eröffnen charmante Repair Cafés. Dort wird gemeinsam gewerkelt, geschraubt, genäht, gebastelt – und auch ganz viel gelacht und geredet. Denn wer nicht weiß, wie es geht, kann seine kaputten Dinge einfach mitbringen und sich beraten, erklären und helfen lassen.

Oase für Bastel-Freunde

So wie Hans-Jürgen Schäfer, der seinen Toaster zum Repair Café in der „WerkBox3“ in München bringt: „Das ist ein Erbstück von meiner Mutter, warum soll ich den wegschmeißen?“ sagt der 69-Jährige. Die „WerkBox3“ ist eine offene Werkstatt, die einmal im Monat ein Repair Café anbietet. Das Reparatur-Team wirft gleich einen Blick auf den Toaster und baut ihn auseinander. Hans-Jürgen Schäfer sitzt daneben und sieht sich zusammen mit den Spezialisten das Innenleben des Gerätes an. Bei einfachen Reparaturen kann man selbst Hand anlegen und sich anleiten lassen. Bei komplizierteren Fällen überlässt man die Arbeit besser den Experten, wie etwa dem 18-jährigen Elektroniker Manuel Neugebauer. Er ist einer der Jüngsten im Reparatur-Team, die Generationen sind hier bunt durchgemischt. Denn Repair Cafés bringen Menschen jeden Alters und aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. „Es ist toll, weil hier so viele verschiedene Leute sind“, findet auch Britta-Marei Lanzenberger. Sie ist vor allem wegen des Gemeinschaftsgartens hier, der neben der Werkstatt wächst. Dort kann sie jederzeit gärtnern und Samen in die Erde pflanzen, wenn sie Lust darauf hat, obwohl sie selbst zu Hause keinen Garten hat.

Viele Städter finden in den offenen Werkstätten das, was sie in der eigenen Wohnung vermissen: Viel Platz fürs Sägen und Bauen, einen Garten, um Tomaten zu pflanzen und Werkzeug soweit das Auge reicht. In der „WerkBox3“ wird gerade auch noch ein Fahrrad repariert, weiter hinten in der Werkstatt bekommt eine kleine Milchkanne einen neuen Deckel und auf der Veranda gibt es Kaffee und Kuchen. Eine Dame kommt die Treppe herauf. Sie hat einen Fernseher dabei, der nicht mehr funktioniert. Sie setzt sich und macht es sich gemütlich, doch die Reparatur dauert nur einige Minuten: „Da war wohl nur etwas verstellt“, sagt Manuel Neugebauer. Aber auch in einem solchen Fall kann man hier Hilfe finden, egal wie klein oder groß der Schaden wirklich ist.

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Eine Idee geht um die Welt

Auch wenn Reparieren und Werkstatt-Bastelei immer noch eher als männliche Beschäftigungen wahrgenommen werden, war es die niederländische Journalistin Martine Postma, die die Bewegung der Repair Cafés ins Leben gerufen hat. Weil sie etwas für die Umwelt tun wollte, kam ihr die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen zusammenkommen und reparieren. In Amsterdam eröffnete sie 2009 das erste Repair Café. Mittlerweile gibt es die geselligen Reparatur-Stuben auf der ganzen Welt, weil sich die Idee über das Internet in andere Länder verbreitet hat. Dadurch werden nicht nur schöne und nützliche Dinge vor der Mülltonne bewahrt, es macht auch Spaß: „Es ist eine soziale Sache, es bringt Menschen zusammen“, so die Gründerin der Idee Martine Postma. Manche Werkstätten haben sich auf Handarbeit spezialisiert und bieten Kurse im Stricken, Häkeln und Nähen an, wie etwa das „HUIJ“ in München. An anderen Orten wird getöpfert, gedruckt oder geschweißt. Im Internet kann man ganz leicht herausfinden, wo es das passende Angebot in der Nähe gibt (einige Kontakte dazu haben wir weiter unten zusammengestellt). Das Repair Café in der „WerkBox3“ existiert seit einem Jahr und „die Nachfrage ist groß“, sagt Stephanie Schmitz, eine der Mitgründerinnen der „WerkBox3“.

Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft

„Ich habe 35 Jahre in Afrika gelebt“, erklärt Hans-Jürgen Schäfer während er zusieht, wie sein Toaster wieder zusammengesetzt wird, „da reparieren sie alles.“ Er sei deshalb sehr froh, dass er das Repair Café gefunden habe. Ihm geht es auch um die Nachhaltigkeit: „Man sollte halt mehr nachdenken übers Leben und dass alle Ressourcen endlich sind.“ Für ihn macht es einfach Sinn, die Dinge wieder in Stand zu setzen und sie weiter zu benutzen. Während Schäfer erzählt, spürt man, dass er durch seine Zeit in Afrika einen besonderen Blick auf den Konsum- und Wegwerfwahnsinn in Deutschland bekommen hat: „Wir sind ja eine kleine Wohlstands-Insel. Doch wenn die Menschen auch in anderen Teilen der Erde anfangen so verschwenderisch zu leben wie wir, dann ist das das Ende der Welt“, sagt Schäfer. Und so sind die Repair Cafés nicht nur ein gemütlicher Ort für gemeinsames Basteln und eine Gelegenheit, etwas Geld zu sparen.

Sie sind auch zu einer internationalen Bewegung geworden, die sich gegen den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen richtet. Ein Trend als Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft. Das Motto: Wir können selbst etwas bewirken und müssen nicht dabei zusehen, wie die Umwelt zerstört wird. Außerdem können wir die eigene Kreativität ausleben und uns in eine entschleunigte und achtsame Welt begeben. Denn tatsächlich tut es uns gut, mit den eigenen Händen mal etwas anderes zu tun, als nur auf Computer-Tasten zu tippen. Etwas mit den eigenen Händen zu „be-greifen“ kann erdend und beruhigend wirken. Gerade auf Menschen, die viel am Computer sitzen und sich dadurch ganz „im Kopf“ befinden. Denn Reparieren und Werkeln bezieht unseren ganzen Körper mit ein und wir nehmen dabei ein Stück echte Materie in die Hand. Wir können die Dinge befühlen und erspüren, und mit ihnen intensiv in Kontakt treten. Wie Psychologen herausgefunden haben, macht es uns glücklich, solche Kleinigkeiten wertzuschätzen.

Geht heute alles schneller kaputt?

Doch die Hersteller vieler Produkte machen es uns nicht unbedingt leicht. Denn sie verdienen mehr Geld, wenn wir etwas Neues kaufen. Deshalb sind viele der heute produzierten Sachen gar nicht mehr darauf ausgelegt, dass man sie reparieren kann. Es fehlen die Schräubchen zum Öffnen der Geräte, es fehlen die Ersatzteile, es fehlt überall. Viele Sachen gehen zudem überraschend schnell kaputt, weshalb schon heftig darüber diskutiert wird, ob die Hersteller sogar mit Absicht kurzlebige Teile in die Produkte einbauen. Dass es auch anders geht, beweist die älteste Glühbirne der Welt aus dem Jahr 1901: Sie brennt schon seit mehr als hundert Jahren durchgehend in der Feuerwache der kalifornischen Stadt Livermore. Damals wurden langlebige Produkte geschätzt, Qualität war ein wichtiges Kaufargument. Doch die Zeiten haben sich sehr verändert: Heute suchen die Kunden billige und schicke Produkte und die Unternehmen freuen sich über den Konsumrausch. Die traurige Kehrseite: „Wir können diese Masse an Waren nur so billig kaufen, weil wir es hinnehmen, dass Menschen und Ressourcen ausgebeutet werden, Umweltschäden eingeschlossen“, schreibt Wolfgang Heckl in seinem Buch „Kultur der Reparatur“.

In Bangladesch, Indien oder Pakistan arbeiten Näherinnen für einen Hungerlohn unter menschenunwürdigen Bedingungen an der Kleidung, die wir dann nach einer Saison wegwerfen. Für viele fühlt sich das nicht mehr richtig an. Deshalb haben die Repair Cafés auch einen Nerv der Zeit getroffen, denn sie bieten uns eine konkrete Alternative: Wir können es anders machen. Die Reparatur des Toasters in der „WerkBox3“ ist noch nicht ganz fertig. Hans-Jürgen Schäfer nutzt die Gelegenheit und erzählt in der gemütlichen Runde, die sich auf der Veranda zusammengefunden hat, noch eine Geschichte aus Afrika: „Einmal traf ich einen alten Afrikaner, der auf einer Bank saß. Er sagte zu mir: ‚Ihr Weißen seid immer beschäftigt. Ihr habt nie Zeit und lauft der Zeit hinterher. Ich aber setze mich und warte, und dann kommt die Zeit zu mir.’“ Hans-Jürgen Schäfer lächelt. Das ist lange her. Heute nimmt er sich auch die Zeit, um seinen Toaster zu reparieren und um mit Gleichgesinnten zu lachen und zu plaudern.

Tipps und Links – Hier wird repariert!

Repair Cafés
Die Homepage www.repaircafe.org informiert über Repair Cafés auf der ganzen Welt. Hier kannst du herausfinden, wo das nächste Angebot in deiner Nähe ist. Außerdem erfährst du auf der Seite auch, wie du dein eigenes Repair Café gründen oder als Freiwilliger mitarbeiten kannst.

Offene Werkstätten
Wer generell mehr basteln, stricken, nähen oder schrauben möchte, kann sich auf der Website des Verbundes offener Werkstätten informieren: www.offene-werkstaetten.org. Hier findest du eine Vielzahl spannender Projekte, Initiativen und Werkstätten rund um Handwerk, Kunst, Reparatur und Recycling.

„WerkBox3”
Das Repair Café in der „WerkBox3” in München findet jeden ersten Donnerstag im Monat statt. Es gibt dort auch ein großes Angebot an weiteren Kursen und Veranstaltungen. Wer außerdem nach einer Werkstatt für seine regelmäßigen Arbeiten sucht, kann sich günstig einmieten und bekommt dann sogar einen eigenen Schlüssel. Weitere Infos unter www.werkbox3.de.

Online-Hilfe
Auch das Internet bietet Reparatur-Anleitungen für unerschrockene Bastler, zum Beispiel auf www.ifixit.com. Manchmal lohnt es sich auch, auf www.youtube.com nach einem Video zu suchen: Viele Experten geben dort ihr Wissen weiter und erklären Schritt für Schritt, wie es geht. Sogar Stricken kannst du mit Youtube lernen.