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Die Magie unserer Namen

Wieviel Schicksal verbirgt sich in unseren Namen?

24 Buchstaben und schier unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten für wunderschöne Namen. Wie heißt du und welche Magie verbirgt dieser Name?
24 Buchstaben und schier unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten für wunderschöne Namen. Wie heißt du und welche Magie verbirgt dieser Name?
© Amador Loureiro via Unsplash

Seit Urzeiten geben die Menschen sich selbst, Dingen oder Orten einen Namen. Auch jeder von uns hat einen. Manchmal finden wir ihn schön, manchmal vielleicht nicht. Mancher findet, dass er zu ihm passt – mancher hadert ein Leben lang und lässt sich seinen Seelenfrieden davon trüben. Früher, da wurden Namen mit Bedacht vergeben, weil große Magie und Kraft in ihnen stecken können. Und heute? Wieviel Schicksal verbirgt sich in unseren Namen? Wieviel Charakter und Vorbestimmung? Herzstück-Redakteurin Julia Rizzolo hat ein kleines Experiment gewagt, um heraus zu finden: Haben unsere Namen Einfluss auf unser Leben?

Hallo, mein Name ist Julia Rizzolo. Meine Freunde sagen, ich sei kreativ, lustig und unordentlich. Aber wäre ich auch so, wenn meine Eltern mich Kathrin genannt hätten? Oder mein Nachname Müller wäre? Wäre ich als Jacqueline auch Redakteurin geworden? Würden die Menschen als Beate anders auf mich reagieren? Bin ich wegen meines Namens, wie ich bin? Seid ihr, wie ihr seid, weil ihr heißt, wie ihr heißt? Wie sehr prägen unsere Namen unsere Persönlichkeit? Diesen Fragen möchte ich auf den Grund gehen …

Der Ursprung der Namen

Warum wir überhaupt Namen haben, erklärt mir Gabriele Rodriguez von der Namenberatungs-Stelle der Universität Leipzig: „Mit Beginn der Menschheitsgeschichte und dem Zusammenleben musste man jedem Menschen und jedem Ort einen Namen geben, um sich verständigen und unterscheiden zu können. Namen sind also wichtig, um jemanden zu identifizieren. Sie geben uns Identität.”

Mein persönliches Experiment beginnt damit, dass ich zunächst mehr über meinen Vornamen erfahren möchte. Im Internet lese ich, dass Julia „aus dem Geschlecht der Julier” bedeutet, zu dem auch der römische Kaiser Gaius Julius Cäsar gehörte. Ob sich meine Eltern darüber informiert hatten? Oder sind sie vielleicht ganz anders auf den Namen „Julia“ gekommen? Waren sie vielleicht Fans von Schauspielerin Julia Roberts? „Überhaupt nicht”, erzählt meine Mutter, als ich sie danach frage. „Die Geschichte von Romeo und Julia fand ich halt toll. Wenn ein Film darüber im Fernsehen kam, hab’ ich das immer angeschaut. Genau wie ‚Sissi’ eben auch.“ Aus mir hätte also vielleicht auch eine Sissi werden können – ein seltsamer Gedanke …

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Namen wecken Assoziationen

Mein Nachname „Rizzolo” ist ungewöhnlich. Als ich mit Gabriele Rodriguez Kontakt aufnehme, erfahre ich von ihr: „Ihr Familienname ist eine italienische Variante von Krause.” Aha, Krause … Was habe ich mit „Krause“ zu tun? Krauses Haar habe ich nicht, aber ich habe mir immer Locken gewünscht. Womöglich, weil ich „Krause“ heiße …?

Als ich geboren wurde, war Julia einer der beliebtesten Mädchen-Namen. Doch die Beliebtheit von Namen ändert sich. Und auch, was wir mit ihnen verbinden. Der Name „Kevin” ist ein gutes Beispiel dafür. Lange Zeit war es ein ganz normaler Jungen-Name. Bis 2009 eine Studie ergab, dass Kinder mit Namen wie Chantal, Justin oder eben Kevin eher mit Leistungsschwäche und Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung gebracht werden. Und es gibt noch mehr, was Namens-Forscher herausgefunden haben: Kurze Vornamen bleiben eher im Gedächtnis. Auch den Personalverantwortlichen. Daher haben Menschen mit kurzen Vornamen angeblich bessere Aufstiegschancen. Moderne Namen lassen den Träger jünger wirken. Und je jünger man eingeschätzt wird, desto attraktiver.

„Die Mitmenschen reagieren auf unsere Namen und beeinflussen uns damit”

Aber auch das ist individuell verschieden, je nachdem wie wir selbst sind – und was wir selbst bisher mit verschiedenen Namen erlebt haben. So hört sich „Hildegard“ für mich nicht nach einem kleinen Mädchen an – für dich vielleicht schon. „Die Mitmenschen reagieren auf unsere Namen und beeinflussen uns damit”, erklärt mir der Namens-Experte Knud Bielefeld (www.beliebte-vornamen.de). „Wenn jemand mit meinem Vornamen unangenehme Erinnerungen verbindet, wird er vielleicht unbewusst Vorurteile gegen mich haben. Dann wird er sich mir gegenüber eventuell unfreundlich verhalten und mich so beeinflussen.” Gleicher Name, gleiche Seele?

Im Internet mache ich mich auf die Suche nach anderen „Julia Rizzolos”. Ich will wissen, ob sie ähnlich ticken wie ich. Ob unser Name uns auf dieselbe Art und Weise beeinflusst hat. Ich finde zwei: Eine lebt in den USA, eine andere in London (geboren in Brasilien). Die USA-Julia hat Marketing studiert, die London-Julia ist Video-Editorin und Cutterin – wir haben also alle drei kreative Berufe. Mit London-Julia nehme ich Kontakt auf. Ob sie und ich uns tatsächlich ähnlich sind, nur wegen unseres Namens? Extrovertiert sei sie, zappelig und liebe es, zu tanzen, schreibt sie mir per E-Mail. Hmm – da bin ich leider ganz anders.

Magische Verbundenheit

Aber: Unser beider Vorfahren kommen aus Italien. Das haben wir gemeinsam. Und auch London-Julia muss ihren Nachnamen ständig buchstabieren, weil er für das Land, in dem sie lebt, ungewöhnlich ist. Genau wie ich hat sie drei Geschwister. Früher ärgerten andere Kinder sie, indem sie sie „Risotto” nannten – genau wie bei mir. Als sie mir das schreibt, fühle ich mich sofort mit ihr verbunden. Irgendwie magisch – wo ich sie doch eigentlich gar nicht kenne. Manche Psychologen sind überzeugt davon, dass das ganz normal ist, wenn wir auf Namensvettern treffen. Weil wir Menschen nun mal so empfinden: Was uns an uns selbst erinnert, das finden wir erstmal gut …

Heute werden Vornamen oft nach dem Klang ausgesucht. Früher war es mehr aus der Familien-Tradition heraus. Und noch früher gab es noch ganz andere Gründe: „Bei den alten Germanen spricht man auch von der Magie des Namens”, erklärt Gabriele Rodriguez. „Man hat wirklich daran geglaubt, dass ein Kind die Eigenschaften seines Namens übernimmt. Nehmen wir zum Beispiel ‚Gerhard’– ‚Ger’ ist der Speer und ‚hard’ bedeutet stark oder fest. Mit diesem Namen wurde dem Kind der Wunsch mitgegeben, dass es mal ein tapferer Krieger wird.”

Märchenhaft und gruselig

Dieser Glaube an den Einfluss des Namens auf Charakter und Bestimmung eines Menschen taucht auch in Märchen auf. Bestimmte Gegenstände haben erst dann besondere Kraft, wenn man ihnen einen Namen gibt. Oder sie verlieren ihren Zauber, wenn man ihren Namen kennt. Erinnern Sie sich an das Märchen vom „Rumpelstilzchen”? Drei Tage hat die ehemalige Müllerstochter Zeit, um den Namen des kleinen Männchens herauszufinden, sonst nimmt es ihr das Kind. „Heute back‘ ich, morgen brau‘ ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“, singt es. Als die Königin die Aufgabe tatsächlich löst, hat sie so große Macht über den Kobold, dass er sich aus Wut selbst zerreißt.

Ein wenig gruselig ist auch, was Gabriele Rodriguez erzählt: „Im slawischen Sprachraum gab es Völker, die glaubten, dass die Geister genau auf die Bedeutung des Namens schauen. Wenn der Name allzu schön war, dann bestand die Gefahr, dass die Geister sich das Kind holen und es stirbt. Als die Säuglings-Sterblichkeit noch sehr hoch war, hat man Kindern daher oft Schutz- oder Ekelnamen gegeben. Das waren dann Namen, die Bedeutungen hatten wie ‚Waise’ oder ‚der Hässliche’, damit die Geister gar nicht an das Kind herangehen. Es gibt also ganz viele Beispiele dafür, dass man in den Namen etwas Magisches gesehen hat.”

Name als Schicksal?

Ganz so magisch ist es heute vielleicht nicht mehr, wie unser Name uns beeinflusst. Aber: Fast jeder hat zu seinem Namen eine Geschichte zu erzählen. Und fast jeder macht im Laufe seines Lebens gewisse Erfahrungen, die er vielleicht nicht oder zumindest anders gemacht hätte, wenn er anders heißen würde. Knud Bielefeld erzählt ein ganz banales Beispiel: „Eine Personalentscheiderin ist mal von ihrem Freund verlassen worden, weil dieser mit einer Jennifer durchgebrannt ist. Kann gut sein, dass eine Bewerberin namens Jennifer den Job nicht bekommt, weil die Personalentscheiderin unbewusst negative Assoziationen mit dem Vornamen verbindet. Das Leben der Bewerberin würde anders verlaufen, wenn sie nicht Jennifer hieße.”

Nun hört sich „Jennifer” an sich ja schön an. Aber Namen können auch eine Belastung werden. Gabriele Rodriguez erzählt: „Heute geben viele Eltern ihren Kindern Namen, deren Bedeutung sie nicht kennen. So klingt Desdemona für viele sehr schön, aber es kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚Unglück’. Wenn man das weiß, könnte es sogar sein, dass man sich da hineinsteigert und denkt, man hätte wegen des Namens Unglück.”

Heimat und Kraftquelle

Als Kind war ich von dem Namen „Julia” nicht immer begeistert. Weil die anderen Kinder Schwierigkeiten bei der Aussprache hatten. Und weil so viele Mädchen genauso hießen. In meiner fünften Klasse gab’s gleich drei von uns. Aber vielleicht ist das mein Glück. Wahrscheinlich kennt jeder irgendeine Julia, die ganz nett ist … Ohne meinen Nachnamen hätte ich nie Kontakt zu London-Julia aufgenommen. Und ich werde von Menschen auf meinen Nachnamen angesprochen, die sonst nie das Gespräch mit mir gesucht hätten. Ich glaube also, dass unsere Namen unser Leben beeinflussen. Dass sie ein Teil unseres Schicksals sind. Dass sie uns ein Stück weit Heimat und Kraftquelle sein können – wenn wir uns ein wenig mit ihnen beschäftigen. Und sie annehmen, als einen gar nicht so kleinen Teil unserer Persönlichkeit.

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