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Das 100-Dinge-Experiment

Wie viel brauchen wir wirklich?

Im Laufe unseres Lebens sammeln wir so viel Besitz an. Aber welche Dinge sind wirklich zentral für unser Leben? Was benötigen wir und welche Dinge beschweren unser Leben vielleicht sogar?
Im Laufe unseres Lebens sammeln wir so viel Besitz an. Aber welche Dinge sind wirklich zentral für unser Leben? Was benötigen wir und welche Dinge beschweren unser Leben vielleicht sogar?
© Rana Sawalha via Unsplash

Wie viele Dinge hast du in deinem Kleiderschrank, die du im letzten halben Jahr nicht einmal getragen hast? Wie voll ist dein Keller oder Dachboden? Na, haben wir dich ertappt? 8.000 bis 10.000 Dinge hat ein Europäer im Durchschnitt. Doch glücklicher macht uns das nicht. Im Gegenteil: Besitz kann sogar unglücklich machen. Der Berliner Produkt-Designer Moritz Grund weiß das. Er hat es geschafft, mit nur einhundert Gegenständen zu leben. Ein Experiment, das sein Leben verändert hat. Ausmisten, verschenken, reduzieren – auch für uns kann das befreiend sein. Denn es tut gut, loslassen zu lernen …


Der Anfang der Dinge

Berlin 2003: Ein paar Umzugskisten stehen in der Ecke. Auf dem Boden liegt eine Matratze. Die Dielen des Gründerzeithauses sind frisch versiegelt, die Wände gestrichen. Gerade ist der angehende Produkt-Designer Moritz Grund hierher gezogen, in die Hauptstadt. In ein WG-Zimmer, das er in dieser Größe noch nie hatte. Platz ohne Ende, so scheint es. Sein gesamter Besitz aber hat in einen Kleinwagen gepasst. Mehr ist es nicht. Und plötzlich beginnt er zu zählen. „Matratze, Wecker, Bettdecke, Kissen, Spannbettlaken, Lampe, Buch, Fernbedienung … Am Ende waren es nicht einmal einhundert Gegenstände.“ So entstanden die Gedanken: Brauche ich überhaupt mehr? Mit wie wenig kann ich leben? Und: Wird es sich gut anfühlen? Die Idee zu seinem Experiment war geboren: „Einhundert: Der Designer und die Dinge – Ein Selbstversuch.“ (Niggli, 17 Euro)

„Warum ein Stück behalten, das man nicht mehr trägt? Ich sortierte alles aus, was nicht als Unterwäsche oder ‚Lieblingsstück’ durchging.”

Er beschließt, so wenig wie möglich neu zu kaufen. Seine ersten Möbel baut er sich aus Wellpappe-Verpackungen. Den Wintermantel leiht er von Papa, seine Mütze stammt vom Großvater, die Wildleder-Slipper vom Bruder. Er verschenkte Bücher, digitalisierte CDs, speicherte Fotos auf Festplatte. „Mein Laptop spielt momentan die Rolle eines ‚unverzichtbaren’ Dings. Wobei es hier eigentlich um die darauf gespeicherten Daten geht“, gibt er zu. Heute ist er eine Art Experte für das einfache, nachhaltige Leben.

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Das 100-Dinge-Experiment

Wie viel brauchen wir wirklich?

Achtung, Schnäppchen

„Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wer wenig braucht“, stellte der Ökonom Miko Paech fest. Im Durchschnitt besitzt ein Europäer 8.000 bis 10.000 Sachen – ganz schön viel. Vom Besteck über Kleidung bis Urlaubs-Andenken. Einiges davon steht mit Sicherheit auf unseren Dachböden oder in den Kellern. Moritz Grund erklärt: „Freie Flächen und Verstauräume scheinen Dinge geradezu anzuziehen. Die Möglichkeit, Dinge schnell aus unserem alltäglichen Blickfeld zu schaffen, sie mal eben aus dem Weg zu räumen, ohne sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen zu müssen, ist für die meisten Menschen zu verlockend.“ Und es ist ja nicht nur das, was wir schon haben. Wir schaffen uns immer mehr an. Oft, weil wir dazu verleitet und verführt werden. Sonderangebote, Schnäppchen, Räumungsverkäufe, letzte Gelegenheiten. „Die vielen schönen Sachen wecken Bedürfnisse in uns, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass wir sie überhaupt haben“, schreibt Catharina Aanderud in ihrem Buch „Weniger ist mehr“. „Und so ist der spontane Kaufimpuls häufig stärker als irgendwelche Bedenken und übertrumpft sogar jede Vernunft.“ Das Tröstliche ist: Fast allen Menschen geht es so. Dabei würde es uns gut tun, so manches loszulassen. Wer das schafft, fühlt sich oft freier, leichter. Als habe man einengende Ketten gesprengt. Das Problem ist nur: Wir hängen so sehr an unserem Besitz. „Zu fast allen unseren Dingen bauen wir kleine emotionale Verbindungen auf, wir knüpfen Sie damit an unsere eigene Geschichte“, erklärt Moritz Grund. „Wenn wir die Dinge dann loswerden wollen, blicken wir auf einen Teil unserer Selbst, entsprechend schwer fällt es uns dann, sich zu trennen.“

Einer, der sich getrennt hat, ist der Amerikaner Dave Bruno. Mit seiner Frau Leanne und seinen Töchtern Lucy, Phoebe und Bridget lebt er in San Diego. Im Juli 2007 räumen alle gemeinsam das Haus auf und Dave Bruno stellt fest: Überall ist Kram – auf dem Schreibtisch, im Schlafzimmer, in der Garage, in der Küche. „Als ich an diesem Tag im Haus und der Garage umherging, stolperte ich körperlich über nichts. Aber in mir drin rannte ich gegen echt harte Hindernisse“, erzählt er in seinem Buch „The 100 Thing Challenge“ (Harper, 6,67 Euro). Er stellt fest: Statt Zelten zu gehen, hat er zu Hause Outdoor-Zeug angehäuft. Statt kreativ zu werkeln, kauft er die Werkzeuge nur. Bei ihm ging es nur noch um die Dinge selbst und nicht mehr darum, dass sie eigentlich nur Mittel zum Zweck sein sollten.

Zwölf Monate, hundert Dinge

Spontan formt sich eine Idee: Ein Leben mit nur einhundert persönlichen Dingen – für zwölf Monate. Acht Regeln helfen ihm dabei. Eine davon: Bevor er sich etwas Neues kauft, muss er etwas Altes loswerden. Und es gab das Hintertürchen „Familien-Eigentum“: Esstisch, Klavier oder Teller zählten nicht. Manche Dinge wie Bücher oder Socken fasste er als einen Punkt zusammen. Der Rest wird verschenkt, verkauft oder entsorgt – was allein schon einige Monate dauerte, bis tatsächlich nur einhundert Dinge übrig waren. Selbst die geliebte Modelleisenbahn-Sammlung kam weg. Sein Fazit nach einem Jahr: „Der enge Durchlass der ‚100 Thing Challenge’ eröffnet einem sehr viel größere Möglichkeiten als es die unverkennbar weiteren Eingänge machen, die uns in ein Kaufhaus führen.“ Moritz Grund und Dave Bruno stellten beide fest: Besitz macht nicht glücklich. Zu schnell gewöhnen wir uns an die Dinge und wollen dann doch mehr. Wie ein Kind, das das heißgeliebte Spielzeug nach ein paar Wochen in der Ecke liegen lässt.

„Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass die materiellen Begierden keine natürlichen Grenzen kennen, dass sie ohne Ende immer weiter zunehmen, es sei denn, wir schränken sie bewusst ein. Der Kapitalismus basiert ja gerade auf dieser grenzenlosen Expansion der Begierden. Was im Übrigen auch der Grund ist, warum er trotz aller seiner Erfolge so wenig geliebt wird. Er hat uns zwar Wohlstand über alle Maßen beschert, doch zugleich den größten Vorzug dieses Wohlstandes weggenommen: das Bewusstsein, genug zu haben“, formulieren es die Autoren Robert und Edward Skidelsky.

Wenn Besitz zum Fluch wird

Besitz kann sogar richtig unglücklich machen. „Wenn er Sie stetig fordert, Sie belastet, Ihre Freiheit einschränkt, kann er Sie auf lange Sicht sogar krank machen“, erklärt Moritz Grund. „Denken Sie an ungewollte Erbschaften, die Angst vor Besitzverlust, etc.“ Ein neues, teures Handy zum Beispiel, kann so schnell zum Fluch werden. Weil wir Angst haben, es zu verlieren oder dass es gestohlen wird. Dann wiegt es plötzlich wie ein Stein in unserer Tasche und hindert uns daran abschalten zu können. Ständig schauen wir nach, ob es noch da ist. Finden wir es nicht, verdächtigen wir vielleicht einen Unschuldigen. Und wie oft haben wir schon gedacht: Manchmal wäre ich ohne das Ding besser dran? Moritz Grund ist heute überzeugt: „Ohne teure oder sehr fragile Gegenstände lebt es sich leichter. Vereinfacht gesagt: Wer nichts hat, muss sich um einen Verlust keine Sorgen machen.“ Kann man mit nur einhundert Dingen tatsächlich glücklich sein? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Die Schwestern des Ordens „Missionarinnen der Nächstenliebe“ sind mit weit weniger zufrieden. Genauso individuell ist auch, auf welche Gegenstände wir verzichten könnten – und auf welche nicht.

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Einfach anfangen

Wichtig ist nur, dass wir uns der Möglichkeit des Verzichts öffnen. Und es vielleicht mal ausprobieren. Viele Dinge müssen wir heute gar nicht mehr besitzen, weil wir sie uns mit anderen teilen können. „Sharing“ heißt das. Autos, Fahrräder, Werkzeug und vieles mehr gehören nicht mehr einer einzelnen Person. Man bezahlt für die Benutzung oder das Ausleihen. Und sich von Dingen zu trennen ist gar nicht so schlimm. Hat man den Anfang mal gemacht, kommt der Rest fast von alleine. Ein Flohmarkt kann genauso lustig sein wie ein Weiterverkauf im Secondhand-Laden. Moritz Grund schlägt Tauschmärkte oder „Verschenkkisten“ vor. Man packt die Dinge, die noch gut sind in einen Karton und stellt ihn vor die Tür. Wer etwas möchte, kann sich bedienen.

Auch Dave Bruno hat Tipps für Menschen, die Hab und Gut verringern wollen: „Teilen Sie Ihr Haus oder Ihre Wohnung in Zonen ein: Schlafzimmer, Badezimmer, Wohnzimmer, Büro, Garage. Dann gehen Sie eine nach der anderen an.“ Aussortieren, ausmisten, reduzieren. Jeder im eigenen Tempo.

Und Catharina Aanderud rät: „Schaffen Sie innere und äußere Ordnung! Kaufen Sie bewusst ein, indem Sie sich auch die Nachteile eines Produktes vergegenwärtigen (das sind u. a. auch ökologische Gesichtspunkte)!“
Das Experiment hat Moritz Grunds Leben verändert. Er hat gelernt, loszulassen, sich nicht an Dinge zu ketten. Und er gründete mit anderen das „Sustainable Design Center“ (www.sustainable-design-center.de). Durch Ausstellungen, Vorträge oder Stammtische bringt der Verein Themen wie Ressourcennutzung oder ökointelligente Gestaltung der Öffentlichkeit näher. Wenn sein Besitz in den letzten Jahren ab und zu wieder anwuchs, dann reduzierte er ihn wieder. Heute ist seine Wohnung alles andere als ein weißer Würfel, aber er ist davon überzeugt, sich jederzeit wieder einschränken zu können. Und er sagt: „Eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Dingen lohnt sich jederzeit, schließlich verhandeln wir mit ihnen um unsere wertvollste Ressource: unsere Lebenszeit.“

Das verbrauchen, verschleißen, besitzen oder kaufen wir im Laufe unseres Lebens
  • 80 BHs
  • 240 Nylon-Strumpfhosen
  • 25 Handys
  • 7 Fernseher
  • 12 Computer
  • 11 Kaffeemaschinen
  • 8 Toaster
  • 9 Staubsauger
  • 10 Autos
  • 150 Zahnbürsten
  • 279 Paar Schuhe (Frauen)
  • Ca. 525 000 Zigaretten