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Achtsames Putzen: Reinheit in Wohnung und Seele

© Daiga Ellaby via Unsplash

Welch herrliches Gefühl: Der Boden glänzt, die Fenster bieten wieder Durchblick, die ganze Wohnung duftet frisch und sauber nach Zitrone.  Jetzt ist es an der Zeit, einen Blumenstrauß auf den Tisch zu stellen und uns selbst ein Cremebad zu gönnen. Reinheit ist für Geist, Seele und Körper ein elementares Bedürfnis. Doch seltsam, wie wir damit umgehen. Wer putzt, steht gesellschaftlich ganz unten. Saubermachen ist nicht nur unbeliebt, wir zeigen uns auch nicht gerne dabei. So putzt jede(r) für sich hinter verschlossenen Türen und öffnet sie erst wieder, wenn alles picobello ist. Andere Kulturen gehen anders damit um: In afrikanischen Dörfern putzen Frauen gemeinsam. Klappt das auch bei uns? Wir versuchen es und laden zur Putzparty. Ein Experiment mit sauberen Überraschungs-Momenten …

In diesem Artikel:

Pflegen statt Putzen!
Experiment – Gemeinsam auf den Putz hauen …
Ordnung ist schöpferisch!

Pflegen statt Putzen!

Endlich schickt die Frühlingssonne ihre ersten Strahlen durch die winterliche Wolkendecke. Im Garten spitzelt schon das Grün von Krokussen und Tulpen durch die Erde. Umbruch, Neubeginn und Auferstehung: Die dunkle Zeit geht ihrem Ende zu und wir spüren die Freude auf Licht, Sonne und Lebendigkeit. Doch das Licht bringt auch Staubschichten und schmutzige Fenster an den Tag. Jetzt steht der Frühjahrsputz an, um Helligkeit und Weite in die Räume zu lassen. Eine Tradition – oder ein ganz tiefes Bedürfnis – das in nahezu allen Kulturen vorkommt: Bei den Juden ist es Pessach. Da werden alle Küchenoberflächen gereinigt, Kühlschränke abgetaut und die Böden geschrubbt. Die Chinesen vertreiben mit dem Frühjahrsputz die Winterdämonen, im Iran „schüttelt“ man vor „Nowruz“ das Haus gründlich durch und bei den Mayas, wurden die geflochtenen Matten, die Kleidung und das Geschirr des Vorjahres zerstört und durch neue ersetzt. Die Hausreinigung ist nicht nur elementarer Teil unseres JahresZyklus, sie gehört zum täglichen Leben wie Zähneputzen oder Wäsche waschen.

Innen wie außen!

Geputzt wird seit Menschengedenken. Es ist eine Kulturtechnik, die ebensoviel über die Entwicklung einer Gesellschaft aussagt, wie Kochen oder Schreiben. Umso merkwürdiger, welch schlechten Ruf Putzen bei uns hat. Es ist nicht nur eine besonders unbeliebte Tätigkeit – wer es sich leisten kann, ordert eine Putzfrau – es ist auch eine Arbeit ohne jegliche gesellschaftliche Akzeptanz. Schmutz und Dreck sind bei uns tabu, sie gehören zu unserer dunklen Seite, die wir lieber für uns behalten. Eigentlich seltsam, denn Putzen kann eine sehr meditative und spirituelle Beschäftigung sein. Linda Thomas, Putzfrau und Antroposophin, sagt: „Wenn man liebevoll reinigt, beim Putzen einen Rhythmus findet und bei der Sache ist, wird aus dem Putzen ein Pflegen, das die eigene Entwicklung fördert. Pflege bedeutet immer auch Liebe.  Ein Haus, dem diese Aufmerksamkeit zuteil wird, strahlt etwas Heilendes aus.“ Sie weiß, wovon sie spricht: In den 80er Jahren gründete die Expertin ein ökologisches Reinigungs-Unternehmen, heute gibt sie Seminare und schult die Fachkräfte großer Unternehmen.

Übrigens: Ökologischen Fensterreiniger kann man ganz leicht selbst herstellen. Aus Alkohol, Essigessenz, flüssiger Kernseife, Wasser

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Experiment – Gemeinsam auf den Putz hauen …

Geputzt wird in der Regel alleine. Schmutz ist in der Öffentlichkeit tabu, er gehört zu unserer dunklen Seite und die wollen wir niemandem zumuten. Schmutz macht verletzlich. Keiner zeigt sich gerne unaufgeräumt. Doch es geht auch anders:  In afrikanischen Dörfern ist es üblich, die Häuser gemeinsam zu reinigen. Im Experiment „Putzparty” testet unsere Autorin Christina Radzwill, ob diese Idee auch etwas für unsere Breitengrade wäre … Die Idee, eine Putzparty zu organisieren begeistert mich auf Anhieb. Warum sollte Putzen nicht kommunikativ sein? Vor Erfindung der Waschmaschine haben Frauen ja auch gemeinsam gewaschen. Waschtage waren sicher anstrengend, es wurde aber auch gesungen, gelacht und über alles geredet, was frau so auf dem Herzen hatte …

Doch das Experiment hat mir gezeigt, dass es nicht so einfach ist. Schon bei der Einladung habe ich festgestellt, dass nicht wirklich Begeisterung aufkam. Ein Putztreffen? Da werden schnell die kranken Kinder erwähnt, die eigenen Halsschmerzen oder die generelle Terminknappheit. Putzen hat keinen guten Ruf bei uns. Wer es sich finanziell leisten kann, putzt nicht selbst. Man hilft sich gegenseitig zwar beim Umzug, aber doch nicht beim Saubermachen! An mir selber bemerke ich, wie verschämt ich mein „Projekt” anpreise. Ich rede zu lange drumrum, bemühe mich um schöne Worte für ungeliebte Tätigkeiten und komme immer wieder in Versuchung mit Essenseinladungen zu „bestechen”. Mein Partner war komplett gegen das Experiment, er fand es peinlich, dass Bekannte mir beim Hausputz helfen wollten. Doch wozu hat man gute Freundinnen?

Gemeinsam kommt man auf neue Ideen, braucht aber auch Toleranz

Sabine und Dominique opferten einen Samstag-Vormittag. Von Sabine wusste ich, dass sie keine Berührungsängste hat: Sie hat mich schon vor Jahren in Erstaunen versetzt, als sie nach einer Hausrenovierung anbot, mir beim Putzen zu helfen. „Wir produzieren doch alle Schmutz, dafür muss man sich nicht schämen”, ist ihre Meinung. Klingt einleuchtend, trotzdem schäme ich mich, als sie grobe Staubflocken von den Bilder-Rahmen fegt und meine Hängelampe schwarze Streifen im Lappen hinterlässt. Dominique, greift gleich ins Schwarze: Mein Backofen ist nie wirklich sauber. Ich suche Erklärungen, doch sie lacht nur und fängt an, ihn kräftig mit Reinigungsspray zu bearbeiten. Ihre Leichtigkeit steckt an. Wir saugen, kehren, sprühen, wischen, wedeln und – lachen viel. Ein schönes Gemeinschaftsgefühl stellt sich ein und die Freude, wirklich etwas geschafft zu haben. „Beim Putzen hat man schnell Erfolgserlebnisse, hinterher fühlt man sich auch innerlich richtig klar, fast schon geläutert”, stellt Dominique fest. Wir würden gerne wieder gemeinsam putzen, wissen aber, dass solche Aktionen terminlich nur schwer hinzukriegen sind. Also bleibt die Putzparty eine Ausnahme, leider …

Ordnung ist schöpferisch!

Putzen schafft schnelle Erfolgs-Erlebnisse, sorgt dafür, dass wir den Dingen auf den Grund gehen und verbindet uns mit unserer Kraft, Aktivität und Energie. Nur wer handlungsfähig ist, putzt. Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden, vernachlässigen zuerst ihr Umfeld, dann die Körperpflege.

Putzen bedeutet Transformation, fast jede Frau kennt die Art von Putzwut, die einsetzt, wenn sie im Leben etwas verändern will: nach einer Trennung, nach dem Winter, nach bestandener Prüfung. Ein effektives, kleines Therapie-Programm, das uns ganz nebenbei glänzende Böden und saubere Küchenschränke beschert. „Wir putzen, wenn es uns dreckig geht“, beschreibt Thomas dieses Phänomen. Wenn wir innerlich aufgewühlt sind, keinen „Durchblick“ mehr haben oder uns von etwas befreien wollen, greifen wir zu Wasser, Eimer und Wischmop. Das funktioniert bestens: Indem wir das Außen kräftig bearbeiten, uns ganz auf unser Tun konzentrieren, geschieht auch in uns eine Verwandlung. Eine US-Studie zeigt, dass wir in frisch gereinigten Räumen sogar zu besseren Menschen werden: Die Versuchsleiterin gab jedem Probanden zwölf Dollar, die er zwischen sich und einer weiteren Person aufteilen konnte. Die Teilnehmer im „normalen“ Raum gaben im Durchschnitt 2,81 Dollar an ihren Partner, die anderen, die in einem frisch geputzten, gepflegt duftenden Raum saßen, gaben im Schnitt 5,33 Dollar. Sie waren außerdem bereit, deutlich mehr für gemeinnützige Zwecke zu spenden.

Auf die Haltung kommt es an

Machen wir uns also frei von dem Gedanken, dass Putzen sinnlos sei und orientieren wir uns lieber an Buddha, der sagt, dass es keine niederen und hohen Tätigkeiten gibt. Unsere Haltung ist es, die den Unterschied macht. Wenn wir uns ganz dem hingeben, was wir tun, eins werden mit dem Moment, leben wir wahre Achtsamkeit. Vielleicht geraten wir sogar in den Zustand des „Flow“, der uns Zeit und Absicht vergessen lässt. So liegt es an uns, einen „grauen“ Putztag in einen Glückstag zu verwandeln, bei dem wir mit reinem Herzen und klarem Verstand bei der Sache sind …